Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Sans I. Nrrnak: Indische Strömungen in der deutschen Studentenschaft 109 ihren Söhnen nicht in den Verbindungen Aufnahme verschaffen konnten, denen sie selbst in Ehren angehört hatten; und, wie damals der jüdische Bürger dem Antisemitismus tatlos gegenüberstand, so rührte auch der jüdische Student keine Hand, um sich kraftvoll zu wehren. Er hielt die antisemitische Bewegung für eine solche, die bald vorübergehen werde. Bürger wie Student standen damals noch nicht auf dein Standpunkt der Selbsthilfe. Es bildeten sich allerdings Anfang der achtziger Jahre studentische Vereinigungen, die angesichts des vollzogenen Ausschlusses der Juden aus den studentischen Korporationen neue gründeten, mit der ausgesprochenen Tendenz, jüdische und christliche Kommilitonen aufzunehmen. Es entstand beispielsweise die „Freie wissenschaftliche Vereinigung" (F. 2V. v.), die aber bald dadurch zur Bedeutungslosigkeit herabsank, daß trotz ihrer schönen Statuten kaum ein christlicher Kommilitone bei ihnen aktiv werden wollte, womit ihr ausgesprochener Zweck verfehlt war. Es bildeten sich die sogenannten Reformburschenschaften (A. D. B.), welche Juden nach einem bestimmten Prozentsatz aufnahmen. Sie haben ebenfalls keinen Einfluß auf die antisemitische Bewegung ausgeübt, weil es kaum die selbstbewußten jüdischen Akademiker sein konnten, die sich als „prozentjuden" aktiv melden wollten. Es entstanden auch viele andere einzelne Verbindungen und Vereine mit dem gleichen Resultat, und in der Mitte der achtziger Zahre war so der deutsche jüdische Kommilitone auf seiner Universität ohne jeden Rückhalt. Der Ausschluß der jüdischen Studenten aus allen honorigen Studentenverbindungen war also, dank dem Wirken des „Vereins deutscher Studenten" verwirklicht worden. 211cm suchte den jüdischen Akademiker nicht nur für minderwertig hinzustellen, man suchte ihn auch ehrlos zu machen. Zn die Sprache des Studentischen übersetzt, heißt das: man verweigerte ihm grundsätzlich die Satisfaktion. An diesem Punkte mußte die Abwehr mit Naturnotwendigkeit einsetzen, sollte nicht das Los des jüdischen 'Studenten Verzweiflung, Erbitterung, Vereinsamung oder Fahnenflucht sein. Es liegt auf der Hand, daß eine solche 2lbwehr nur durch innigen Zusammenschluß jüdischer Kommilitonen erfolgen konnte, und so bildete sich als erste rein jüdische Verbindung auf deutschen Hochschulen die „viadrina" in Breslau. Sie vereinigte jüdische Studenten, nicht im Gegensatz zu christlichen Studenten, sondern lediglich, um die Gleichberechtigung des jüdischen Akademikers mit seinen christlichen Kommilitonen darzutun. Sie war gewissermaßen eine provisorische Vereinigung, lebensberechtigt nur bis zu dem Augenblick, in dem der früher nicht vorhandene Gegensatz zwischen jüdischen und christlichen Kommilitonen aus der!velt geschafft war. Die Gründung der „Viadrina" erfolgte am 25. Oktober 1886, und wir alle wissen, daß dieses Provisorium heute noch andauert. Sie stellte die erste Vereinigung deutscher Studenten jüdischen Glaubens dar, eine Vereinigung von jungen Leuten, die auf ihr Deutschtum und ihr Zudentum gleich stolz waren. Ein jüdischer Studentenverein in der Zeit, da jüdischer Name und jüdische Ehre überall herabgezerrt wurden, das war eine Ungeheuerlichkeit; und noch dazu ein Verein, der zur Abwehr gegen eine übermächtig scheinende Mehrheit gegründet war. von der jüdischen Bürgerschaft wenig unterstützt, war die „Viadrina" auf sich selbst gestellt. Es galt, den gesunkenen Sinn des jüdischen Studenten zu heben, ihn mit Selbstbewußtsein und Stolz auf seine Religion zu erfüllen, ihm den Blick zu weiten an unserer mehrtausendjährigen Geschichte, die eine Beschämung — nicht für uns sondern für unsere