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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 108

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 Hans I. Nrwak: Jüdische Strömungen in der deutschen Studentenschaft © o o o daß sich die Führer in unserem politischen und religiösen Leben zum erheblichen Teil aus den Akademikern rekrutieren, ist es ganz besonders empfehlenswert, sich mit der Art und weise zu beschäftigen, in der sich die gesamten Erscheinungen in der deutschen Studentenschaft äußern. Auch die verschiedenen jüdischen Tendenzen haben ihren Ausdruck in der jüdischen Akademikerschaft gefunden, und da die deutschen Studenten ihren Ueberzeugungen im allgemeinen einen korporativen Ausdruck geben, so ist es für die deutschen Juden von Wichtigkeit, sich über die jüdischen Bestrebungen innerhalb der deutschen Studentenschaft zu orientieren. Da. nun einmal die Tatsache besteht, daß sich auch die jüdischen Akademiker in zum Teil grundsätzlich sich gegenüberstehenden Korporationen vereinigt haben, lohnt es sich, nachzuforschen, zunächst, warum sich studentische Korporationen aus rein jüdischen Elementen gebildet haben, und dann, wie sich diese jüdischen studentischen Gebilde von einander unterscheiden. Eine kurze historische Darlegung des Werdens der studentischen Korporationen überhaupt ist dazu notwendig. Die ersten Anfänge des Korporations- Wesens an deutschen Hochschulen hatten mit Politik noch nichts zu tun. Bis Ende des \8. Jahrhunderts sieht man die Studenten aus Geselligkeitszwecken zu den sogenannten „Landsmannschaften" vereinigt. Sie führten ihren Namen daher, daß sie im allgemeinen die Studenten, die aus denselben Teilen Deutschlands stammten, zu Korporationen vereinigen; beispielsweise bildeten so die Schlesier einen Bund, den sie „Silesia" nannten, und dementsprechend die Studenten aus anderen Landesteilen. Um die Zeit der Befreiungskriege war es, daß sich politische Tendenzen mit den Verbindungen verwebten. Vor allem bildeten sich die deutschen Burschenschaften, deren Ziel auf die Einigung Deutschlands unter einem deutschen Kaiser gerichtet war. Diese Burschenschaften hatten also eine rein politische Tendenz. Neben diesen bildeten sich andere Verbände wie: Turnerschaften, Sängervereine, Korps und sogenannte „Freie Verbindungen", welche zwar die politische Tendenz in den Hintergrund stellten, aber bei den stürmischen politischen Zeiten der Mitte des Jahrhunderts kaum vollständig ohne politischen Einschlag bleiben konnten, was aber alle diese Verbände gemeinsam hatten, war, daß sie ohne Unterschied Süden wie Thristen aufnahmen, sobald sie nur eben „honorige" Studenten waren. Es kam das Jahr J8A, und mit ihm wurde der Traum der deutschen Burschenschaften und der anderen Studentenverbände erfüllt. Es lag in der Natur der Sache, daß sie sich früher oder später nach anderen Zielen umsehen mußten. Es kamen die Gründerjahre und die schweren Zeiten des finanziellen Niederbruchs. Da mußte nach einem Sündenbock gesucht werden, den man für die Enttäuschungen verantwortlich machen konnte. So kam der Antisemitismus hoch, ausgehend von deutschen Hochschulen, von denen er den wuchtigen Anstoß seiner Gesellschaftsfähigkeit erhalten hat. Es gründeten sich Anfang der achtziger Jahre die „Vereine deutscher Studenten", die die Minderwertigkeit des jüdischen Kommilitonen proklamierten und den Ausschluß des jüdischen Studenten aus allen studentischen Korporationen erstrebten, um ihn zu einem Kommilitonen dritter Klasse herabzuwürdigen und damit gleichzeitig seinen späteren Anspruch auf gleiche Stellung im bürgerlichen oder Amtsleben als unberechtigt hinzustellen. Nie ist eine Bestrebung,., schneller und schärfer durchgesetzt worden. Innerhalb weniger Jahre gab es keine studentische Korporation mehr, welche Juden aufnahm. Der Fall war alltäglich, daß jüdische Väter

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