Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o l Hans I. Nemak: Indische Strüwnngen in der deutschen Studentenschaft 107 lichen Formsache herab und kann seinem ein- | zigen Zwecke der religiösen Erbauung und Anregung nicht mehr entsprechen. Seit Jahrzehnten wird das von allen Seiten betont und beklagt, aber wir stehen noch immer vor einer Gebetbuch-Frage. Der so dringend gebotene und allein heilbringende Schritt vom Worte zur Tat läßt noch immer auf sich warten. Und dieses Zaudern ist nicht nur bereits zum Verhängnis geworden, es hat auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen, den Vorwurf gezeitigt, das liberale Judentum entbehre der positiv religiösen Grundlage. Nichts ist unwahrer als dieser Vorwurf, aber je länger die nunmehr endlich organisierte liberale Zudenschaft zögert, sich zur Tat u. z. zur einheitlichen Tat aufzuraffen, um so mehr und um so länger muß es sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Des Wortes Wert liegt in diesem Falle nur in seiner Vorstufe zur Tat. Diese aber steht noch aus, auch in der Gebetbuch-Frage. Freilich, einige wenige Großgemeinden besitzen, jede für sich, bereits ihre besonderen zeitgemäß umgestalteten Gebetbücher. Aber darin vermag ich noch nicht einen wesentlichen Fortschritt für das liberale Judentum und die liberale Zudenschaft zu erblicken. Weit eher bietet diese Verschiedenheit von Gemeinde zu Gemeinde das Bild innerer Unklarheit und Planlosigkeit. Wozu hat das liberale Judentum sich eigentlich organisiert, wenn das religiöse Leben in seinen öffentlichen Erscheinungsformen nicht einheitlich gestaltet werden soll? Gerade die Einheitlichkeit würde und müßte bekunden, daß das liberale Judentum in positiv-religiösem Sinne zu wirken berufen und gewillt ist. Wie der orthodoxe Jude in allen Synagogen orthodoxer Richtung die gleiche Art des Gottesdienstes vorfindet, so müßte ein Gleiches unbedingt auch im liberalen Lager herbeigeführt werden. So nur kann das Einheitsgefühl in der liberalen Zudenschaft geweckt und gestärkt, so nur das liberale Judentum überhaupt seinen positiv-religiösen Aufgaben gerecht werden. Nur von einem einheitlichen, von einer noch zu schaffenden Zentralstelle aus in die Wege geleiteten Vorgehen verspreche ich mir einen wirklichen und dauernden Nutzen für die religiöse bsebung und Weiterentwickelung. Freilich ist's nicht allein die Gebetbüch-Frage, die der Lösung harrt. Alle Zweige des religiösen Lebens bedürfen dringend der einheitlichen Tat. Die endlich herbeigeführte Organisation der liberalen Zudenschaft steht ganz anders gerüstet und mit ganz anderem Rückhalte da als die Synoden des vorigen Jahrhunderts, die sich allein auf die einzelnen Teilnehmer freiwillig gezollte Autorität stützen konnten. Eine Gebetbuch-Frage existiert daher für mich nur über das Wie des erfolgverheißenden Schrittes vom vielgestaltigen Worte zur einheitlichen Tat. Jüdifdie Strömungen in der deutfdien Studententchaft. Von Dipl.-lng. Hans 1. Remak-Berlin. ie politischen und religiösen Gegensätze in unserm Vaterlande spiegeln sich nicht *) Dieser Vortrag wurde am 4. Diskussions- Abend des Jüdisch-liberalen Jugendvereins Berlin am 30. Januar 1912 unter großem Beifall gehalten, wird auf Wunsch der Mitglieder und wegen des allgemeinen Interesses veröffentlicht. W. Simson. zum wenigsten in der deutschen Studentenschaft wider. Sie treten dort um so schärfer und unverhohlener in Erscheinung, als sich ihr Einfluß auf jugendliche Gemüter erstreckt, welche ihm dementsprechend oft den stärksten Ausdruck verleihen. Angesichts der Tatsache,