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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 106

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Ar. Tänzer: Zur Grbetbuchfrage o o o o und holt sie, lehrt sie uns, daß wir sie erfüllen? Nein, nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und deinem Herzen, sie' zu betätigen, damit du lebest und Gottes Segen teilhaftig werdest. Das ist dein Daseinszweck!" Und ivie soll untersucht werden? Furchtlos aber treu! Treu auf dem Boden unserer Thora stehend, ehrfurchtsvoll das Wirken unserer großen Lehrer würdigend; stets davon ausgehend, daß alles, was sie geschaffen, aus reinster Absicht, zum Besten des Judentums, aus tiefster Ueberzeugung geboren wurde. Aber währe und ernste Kritik ausübend an allem, was im Laufe der Jahrtausende entstanden; Licht in alle Ecken und Winkel werfend; jede Einrichtung einer wissenschaftlichen Untersuchung unterziehend; unbeirrt von jeder Voreingenommenheit; rücksichtslos ausschneidend, was krank und verfault; entfernend, was verdorben; aufchebend, was der Begründung entbehrt; reinigend, was verunreinigt; ausbessernd, was beschädigt; stets ausgehend von dem Satze: Thora hi ez chajim, lechnlom cliajim, die Thora ist der Baum des Lebens, für alle zum Leben! Für die Lebenden den Weg zur Vervollkommnung, zur Glückseligkeit ebnend; ausschauend in die Zukunft, damit es uns und unfern Rindern wohlergehe auf der Erde, die der Schöpfer dem Menschen als ewiges Erbteil zuerteilt hat. Deus Io volt! das will Gott! Und für wen soll die gereinigte Religion ein neues panier sein? Für jeden, der sich den Beschlüssen der Behörde unterwerfen will. Frei ist der Mensch! Rein Zwäng darf ausgeübt werden, seine Fürsten sollen fürder nicht mit Banden, seine Edlen nicht mit eisernen Retten geknebelt werden. Und was soll uns unsere geklärte Religion sein? Das Judentum! Wir wollen nichts anderes, als Juden sein, währe, echte, treue Juden, keine Dissidenten, weder nach rechts noch nach links, weder Dissidenten unter dem Namen „gesetzestreu", noch unter der Bezeichnung „reformiert" oder „freidenkend". Or sorua lazadik al jischre lew simchoh! Das Licht möge allen redlich Denkenden strahlen, allen zur Freude, die geraden Herzens sind! Dann werden die Absterbenden mit neuem Leben erfüllt werden, die Strauchelnden wieder festftehen, die Glaubenskranken wieder Rraft erlangen, die in Geistesfesseln Schmachtenden Erlösung finden! Gott will es! Zur Gebefbuchfrage. Von Rabbiner Dr. Tänzer-Göppingen. s kann füglich bezweifelt werden, daß noch etwas wesentlich Neues zur Gebetbuchfrage gesägt werden könnte, was nicht schön in der auf fast ein Jahrhundert sich erstreckenden, kaum mehr übersehbaren Literatur dieser Frage gesagt worden wäre, von allen erdenklichen Gesichtspunkten ist sie bereits beleuchtet, die religionsgesetzliche Berechtigung nicht nur, sondern auch Verpflichtung zur Umgestaltung und Anpassung an die Zeitverhältnisse und -Bedürfnisse unzählige Male nachgewiesen worden. Die Wahrhaftigkeit ist das Grundprinzip aller religiösen Betätigung. Ein Gottesdienst, an dem so viele, ja die meisten Teilnehmer innerlich nicht beteiligt sind, weil sie es nicht sein können, weil sie des Hebräischen nicht genügend kundig sind, sinkt zur bloßen äußer-

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