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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 105

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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o o o o Joseph Kouffrnann: Gott rviU es! 1V5 übersehenen Thomez, der famose Lhomezverkaufskontrakt mit der Reservatio mentalis. Will das Gott wirklich? Dann manches vom Inhalt der Hagadah: die Mnemotechnik des Rabbi Iehuda, die Rechenkünste der Herren Jose Haglili, Llieser und Akiba, das schöne Lied, wenn uns Gott nur an den Sinai geführt, uns aber nicht die Thora gegeben, von den Gesängen über das, was alles schon nach Mitternacht passiert ist, und was sonst an Wunderbarem sich ausgerechnet am pesach ereignet haben soll, will ich schweigen. Diese talmudischen Erinnerungen können für die weitaus größere Mehrzahl der heutigen Juden nicht mehr verständlich sein, sind also nicht erhebend, sondern stören die Feier. Unsere heutige Zeit läßt keinen Raum für das Studium der Mischnah und Gemarah. Ich bedauere das auch nicht, denn nicht jeder Jude kann und braucht ein Studierter zu sein — ich hüte mich. Gelehrter zu sagen — wenn ich mich auch mit Vergnügen daran erinnere, daß ich als Anabe mich mit den Schwierigkeiten, wann ein Zwitter als Mann und wann als Weib anzusprechen sei, Herumplagen mußte, daß ich mit besonderer Freude das Studium der speziellen Tischgebeteinleitungen bei gemeinschaftlichen Tafeln von 3, J,0/ HOO, sOOO und HO 000 Glaubensgenossen getrieben habe. Auch nach Pesach werfen die 5 Streiter von Bene barak noch ihren Schatten. Des Schicksals ihrer Schüler halber däxf 7 Wochen lang, mit wenigen Ausnahmetagen, keine Hochzeit in Israel gefeiert werden. „Gott will es!" will Gott auch, daß wir uns 3 oder 9 Tage des Genusses von Fleisch enthalten, um das Andenken der Zerstörung Jerusalems zu ehren? Ein kleines Hündchen hat sich verlaufen; heimatlos umherirrend, kommt es in ein fremdes Dorf. Don allen Seiten springen die Hofhunde hinzu, umkreisen es bellend, beißen wütend auf es ein. In seiner Not und Angst weiß es nicht ein noch aus. Da erblickt es in einem Winkel eine alte, hohe Trittleiter, die Todesangst treibt es die Stufen hinauf. Die Meute, die Leiter umbellend und umheulend, versucht vergeblich ihm nachzustürmen. Müde des nutzlosen Treibens trollt einer der Feinde nach dem andern knurrend fort. Einsam bleibt das Hündchen, träumt auf seiner Höhe von schönen vergangenen und noch schöneren kommenden Tagen, fühlt sich sicher und geborgen, ist es doch dem Himmel so nahe. Da sitzt es nun die ganze Nacht! Die aufgehende Sonne zeigt ihm, daß die Schar der Feinde verzogen, daß ringsherum Ruhe und Frieden. Höher steigt das Tagesgestirn, seinen leuchtenden Strahlen ist das Hündchen ausgesetzt, es fühlt Durst und junger. Aengstlich blickt es umher, es wartet vergeblich auf den Retter, der es von dem engen Sitz auf steiler Höh' erlöse, wagt es doch nicht selbst, den kühnen Sprung zur Erde, zur Rettung. Wieder kommt die Nacht, es hungert und friert. Eine neue Morgenröte bricht an, frisch und kräftig umweht der Frühwind die alte Leiter, sie bricht zusammen und gerettet springt das Hündchen munter und froh der Freiheit entgegen. Das ist das Bild Israels! Die Heimat verloren, von aller Welt verfolgt und befeindet, hatte es sich eine Leiter erbaut, auf deren Höhe es sich geborgen, dem Himmel nahe fühlte. Es hatte geglaubt, daß sein platz über der Erde, nicht auf derselben sei, daß es in Sehnsucht auf den Retter auf seiner hohen Warte nicht verschmachten und verdorren würde, bis die aufgehende Morgenröte der Aufklärung ihm zeigte, daß sein Platz, wie der aller Geschöpfe Gottes, auf der Erde sei, daß es auf der Erde und für die Erde wirken und schaffen, streben und leben müsse. „Denn deine Pflicht ist nicht im Himmels daß du. sagest: wer steigt für uns hinauf

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