Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Joseph Kauffwann: Gott will es! 0 0 0 0 holung muß eine besondere Bedeutung haben, der Scharfsinn unserer Rabbinen entwickelte daraus die kompliziertesten Verordnungen über „milchig" und „fleischig". Ls ist wohl anzunehmen, daß die Trennung von Milch und Fleischspeisen alter Ueberlieferung entstammt und nicht willkürlich von den Tanaim eingesetzt ist. Ich jbin nicht gelehrt genug, um mir eine bestimmte Meinung anmaßen zu können, aber gegen meinen einfachen Menschenverstand ist es, daß man auf Grund des biblischen Verbots auch ein Hühnchen nicht in Butter braten darf. Line Verwechselung mit Hühnermilch ist doch ausgeschlossen. Ich glaube mich bei diesem Zweifel in der guten Gesellschaft alter Gesetzeslehrer zu befinden. Ebensowenig verstehe ich, daß man ruhig Fleisch nach Milch, aber nicht Milch nach Fleisch verspeisen darf. „Ls gibt mehr Dinge im Fimmel und auf Lrden, als eure Schulweisheit sich träumen läßt!" Vielleicht bringt eine neue 8ynagoga magna Licht und Klarheit in unser verwickeltes Speisegesetzsystem, untersucht auch das verbot, die Hinterviertel eines Schlachttieres zu essen, sofern sie — was in Deutschland nur in wenigen Orten möglich — nicht entädert sind. Lntädert, weil Jakob sich die Hüft sehne bezw. den Hüftnerv verrenkt hatte, und das vielleicht nur in einem .Traumgesicht. Dann prüft er vielleicht auch weitere Bestimmungen der koscheren Rüche mit allen den im Laufe der Zeiten entstandenen Ligenarten. j)esach, Befreiungsfest, mit deinen alten, uns stets neuen Lrinnerungen, mit dem Hinweis auf die Klagen, die die Lgypter erlitten und dem frischen Lindruck der Klagen, die der Hausfrau durch die Vorbereitungen erwachsen! wochenlanges Fegen, Bürsten, Klopfen, Scheuern, Maschen, Spülen und zuletzt noch Ausglühen! Das ganze X^ctus wird von oben nach unten gewendet, und wenn alles fertig, die Hausfrau zu Tode erschöpft ist, dann muß sie zum Fest noch backen und braten, muß aber sorgfältig darauf achten, daß sie nicht einen falschen Topf oder Löffel erwischt. Schon das ganze Jahr muß sie mit zweierlei Geschirr wirtschaften, ihre Augen überall haben, daß Magd oder Rind nicht einen Teller trefe machen oder daß nicht versäumt wird, ein fleischiges Messer, das versehentlich mit Butter in Berührung gekommen ist, drei Tage in Lrde zu stecken. Ich weiß nicht, ob sich in der Bibel ein Hinweis darauf findet, daß wir zweierlei, Gesuch berücksichtigt, gar viererlei Geschirr haben müssen. Ich habe aber berechnet, daß der Hohepriester, wenn die Anordnung zutreffend ist, mindestens 2<\ verschiedene Geschirre in Benutzung gehabt haben muß. Arme Frau Hohepriester! Aber was konnte sie anderes tun, als seufzen: „Gott will es." Veraltet scheinen mir einige weitere Einrichtungen zu sein. Aus Nehemia, Rapitel 7, wissen wir, daß alle Rohanim, die ihren Stammbaum nicht vorzeigen konnten, vom Hriesterdienst suspendiert wurden. Und heute, nach 2500 Jahren, müssen wir Jeden, der sich ohne Nachweis für einen Nachkommen Ahrons ausgiebt, als ersten zur Thora rufen, ihm 5 Silberlinge für die Auslösung unseres Lrftgeborenen zahlen, den Segen von ihm über uns aussprechen lassen und das alles ohne Rücksicht auf seine moralische und sonstige religiöse Qualität. Lr darf den Friedhof nur unter gewissen Rautelen betreten, mit einer Leiche nicht unter einem Dache weilen. Auch beansprucht er noch einige sonstige Ehrenbezeugungen in Synagoge und Haus. Liner der schönsten und erhebendsten unserer Religionsgebräuche ist der Sederabend. Aber viele der j)esach- und Sedersitten dürften reif für ein jüdisches Altertumsmuseum sein. Zuerst vorhergehend das Zaubersprüchlein zum verschwinden des etwa