Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126506--1129-3127932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o e o o Joseph Kauffumrm: Gott will es! 103 Forschen und prüfen beschließen und verordnen werden, nicht wieder mit dauerndem Abschluß, sondern in ständiger, lebendiger Fortarbeit, in Anpassung an die stete Entwicklung, an den ewigen Fortschritt! Alles fließt! was soll aber untersucht werden? Alles was unser Leben, unser Haus, unsere Schule und unsere Synagoge betrifft! Fort mit allem, was Aberglaube, Uebertreibung, Klügelei und Spitzfindigkeit heißt! Eine Riesenarbeit steht der Behörde, die ich eingesetzt sehen möchte, bevor, wohin ich blicke, sehe ich Falsches, Unklares und Schwankendes. „Du sollst den Namen des Ewigen nicht vergeblich aussprechen!" Unsere Rabbinen haben unendliche Ehrfurcht vor diesem Gebote gehabt. Sie haben peinlichst alles zu vermeiden gesucht, was einer vergeblichen Anrufung Gottes ähneln könnte. Entspricht es diesem Gebote, wenn wir während des Wintersemesters täglich 5 bis 8 mal um Regen flehen, obwohl wir lieber um gutes Wetter bitten möchten? Mder ist es eine fossile Einrichtung, für anderes Klima erdacht und pietätvoll, oder gedankenlos beibchalten? Line andere vergessene Schildwache ist der Jekum purkon, eine Fürbitte für eine Behörde, die seit sOOO Jahren nicht mehr existiert. Und das Gebet beim verlassen der Laubhütte? Kann und darf heute ein denkender Sude mit gutem Gewissen den Herrn anflehen, ihn dereinst in einer Hütte aus Lewiatanshaut wohnen zu lassen? Ein anderes Thema, die Abänderung biblischer Gebote: Seder Sude kennt das Schema-Gebot, in welchem die Anordnungen getroffen sind, diese (und zwei andere) Bibelstellen als Zeichen an die Hand zu binden und als Stirnbinde zwischen den Augen zu tragen; ferner Schaufäden an den Ecken der Kleider zu befestigen, um die Warnungen vor einem Abweichen von den Geboten sich zu Herzen und zu Gemüte zu führen, sich bei ihrem Anblick aller Verordnungen zu erinnern, sie zu befolgen und dadurch Gottesheilige zu werden. Das Gebot der Tefillin wurde schon im Altertum von einigen Lehrern symbolisch aufgefaßt, ob mit Unrecht kann ich nicht entscheiden. Für eine symbolische Auffassung des Zizzisgebot scheint nur kein Grund vorzuliegen. Die Ausführung der Gebote dürfte aber kaum der ursprünglichen Absicht entsprechen. Nur zum Morgengebet umhüllen wir uns mit dem Tallis, schmücken uns mit den Tefillin. Daß ein kleines Tallis tagsüber unsichtbar unter der Dberkleidung getragen wird, spricht nicht mit. Während des Gebetes aller Gebote zu gedenken, paßt doch weder zur Andacht, noch zum Zweck, denn während des Gottesdienstes gibt es nur wenig Gelegenheit, Verstöße zu begehen. Aber im Laufe des Tages, bei häuslicher Beschäftigung, bei der Erziehung der Kinder, im Handel und Wandel sollten wir — nach Vorschrift — durch die Erinnerungszeichen ständig auf den rechten Weg gewiesen werden. Dann würde jeder Fehltritt, jede voreilige Handlung, jedes unbedachte Wort, jeder Zorn und jeder Streit vermieden werden, würden die Gebote der Rechtlichkeit, der Nächstenliebe imd des Wohlwollens gegen hilfsbedürftige uns stets vor herz und Sinn stehen, wer könnte sagen, er bedürfe solcher fortwährender Erinnerung nicht, wer bedarf ihrer aber während der Andacht? Die Ursache der Einschränkung der Gebrauchszeit hat ihre Gründe. Die Behörde mag untersuchen und beschließen, ich kann und will nur Anregungen geben. Dreimal finden wir im Pentateuch: „Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen." Die dreimalige wieder-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.