Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Joseph Kauffmarm: Gott will es! 0 0 0 0 mancher Bibelworte, z. B. Namen der zum Genuß verbotenen Tiere, nicht mehr kannten, daß in gar vielen Fällen rabbinische Bestimmungen auf alten Volkssitten basierten, also das Ursprüngliche, die Zurückführung auf die Thora das Nachfolgende war, daß es oft der gewaltsamsten Deuteleien, der ausgespitztesten Sophistik bedurfte, um für eine rabbinische Bestimmung die Grundlage in der schriftlichen Lehre zu finden. Zedem Buchstaben, jedem Häkchen, jeder Schrifteigentümlichkeit wurde besondere Bedeutung beigelegt, obwohl die Rabbinen genau wußten, daß die vorhandenen Thoraexemplare nicht in der Urschrift, sondern in einer späteren Schreibart geschrieben waren, obwohl sie sich eingestanden, daß Abschriftsfehler vorhanden fein müßten, daß manches Wort anders zu lesen sei, als niedergeschrieben. Die Nabbinen haben aber in bester, nicht in böser Absicht gehandelt. Sie waren überzeugt, daß ihre Maßnahmen für die Existenz des Judentums unbedingt notwendig waren, und diese Ansicht hat sich' für .2000 Jahre als richtig erwiesen. Ohne den rabbinischen Zaun wäre Judentum und Zudenheit in der Finsternis des Mittelalters, -im Drucke des Ghettos, durch die ständigen Anfeindungen der Andersgläubigen zugrunde gegangen. Hakol jofe beitto! Alles ist schön zu seiner Zeit. Die Sonnenstrahlen der Aufklärung, der Fortschritt der geistigen Entwicklung der Menschheit, die wiedererrungene Menschenwürde haben den Unechtsinn bei uns Juden gebrochen, freier fühlen wir uns, frei wollen wir werden! wir haben gelernt, mit offenen Augen in die Natur zu schauen, mit prüfendem Geiste die Geschichte unserer Vergangenheit zu durchforschen, wir wollen nicht mehr blind vertrauen und gehorchen, wir wollen uns selbst Rechenschaft ablegen für unser handeln und Wandeln, unsere j)flichtten und Taten, wollen aus dem ewigen, klaren <Vuell schlürfen, nicht mehr abgeleitetes Wasser trinken! Aber nach freier Männer Art wollen wir uns gern und willig dem Gesetze und der Sitte unterwerfen, nicht wie freigelassene Sklaven schrankenlos nach eigenem Gutdünken handeln. „was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb, es, um es zu besitzen," wehe dem Manne, der losgelöst von der Scholle des Vaterlandes heimatlos umherirrt, wehe dem Volke, das seine Herkunft und Vergangenheit vergißt, sich "losreißen will von allen Traditionen seiner Vorfahren! wir sind Juden und wollen Zuden bleiben! Aber erwerben wollen wir das Erbteil unserer Väter, unser Gesetz und unsere Geschichte. Zn beiden wollen wir freien Blickes und unbeirrten Geistes neu forschen und lernen, um uns das köstliche Gut unserer Vorfahren, unsere Religion, zu erhalten und neu zu verdienen. wir wollen das Alte wahren und erhalten, aber der Weizen muß von der Spreu gesondert werden, wir können nicht das Alte nur des Alters halber achten, sondern wollen prüfen und sichten, was vom Alten gut und kostbar, was Gerümpel und Moderkram ist. Flunder und Moderwerk sind gar manche unserer Religionsformen, viele unserer Sitten und Gebräuche. Aber der goldene Kern unserer Religion, ein Rind des Ewigen, wird für die Ewigkeit bestehen, gesäubert von den Schlacken reiner und schöner erblühen, als bisher, uns dem Endziele: „an diesem Tage wird Gott der Einzige sein" umso schneller und sicherer nähern, je weniger Ballast wir mitzuschleppen haben. Nur vom Ballast rede ich. Nicht die Religionsformen will ich, ab schaffen, im Gegenteil, gereinigt sie erhalten. „was willst Du aber ändern?" bin jch in letzter Zeit oft gefragt und meine Antwort lautete: „nicht ich will ändern, aber ich will mich ganz dem unterwerfen, was weise, Kundige und Gelehrte nach sorgfältigstem