Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Joseph Kouffnmnn: Gott will es! 101 Zwei Jahrtausende hat man benutzt, um den klaren Wortlaut der Bibel zu deuten und zu drehen, nach Regeln, die zwar der Logik nicht entbehren, aber doch, willkürlich ausgestellt, zu einer eisernen Zwangsjacke wurden, in die alles hineingepreßt werden mußte, die die Formen ins Unendliche hausten, aber den Kern vergaßen, den Geist knebelten und unterdrückten. „Unechte waren wir dem Pharao in Egypten, aber Gott hat uns befreit; wäre der Auszug aus Egypten nicht eingetreten, würden wir heute noch dem Pharao dienstbar sein." So lesen wir alljährlich in der Pessach- Hagadah und die Erklärung zu dem ausfallenden Nachsatz lautet: „würden wir heute noch unfreien Geistes in Aberglauben und Götzendienst verharren." Sind wir aber geistig frei? Sind wir nicht in eine Abhängigkeit geraten, die uns auf Schritt und Tritt beengt? Ein Volk von Priestern sollten wir sein, eine Gesellschaft unter Ordensregel sind wir geworden! Die \5 Regeln des Rabbi Ismael, die Deutungsmethode des Rabbi Akiba brachten Leib und Geist hinter Kerkermauern und die geistigen Nachkom.men der Zaunbauer haben jede gebliebene Lücke und Ritze noch sorgfältig ausgefüllt. Wer sich knechtischen Geistes der Herrschaft dieser Deutler unterwirft, wer aus jede eigene Erkenntnis, auf selbständiges Forschen verzichtet, wer jeden Ausspruch irgend eines Großen in Israel für göttliche Eingebung, jede Einordnung eines spitzfindigen Klüglers für Willen des Schöpfers ansieht, wer die unsinnigsten Gebräuche für Grundlagen der Religion erachtet, der ist gesetzestreu! Wer aber der priesterlichen Behauptung „Gott will es" die einfache Frage entgegenstellt: „woher weißt du das?" der ist ein Hetzer, der wird verfolgt, gebannt, exkommuniziert! Iseli baar Io jede uchesil lo jowin es sos! der Eiferer kann es nicht begreifen, der Wahnbefangene nicht verstehen! „Gott will es". Dieser unglückselige Satz hat unendliches Leid über die Menschheit gebracht, nicht zum wenigsten über uns Juden! Mit dem Rufe: „äeus lo voll", Gott will es! stürzten sich die rasenden Kreuzfahrer auf die in friedlichster Harmonie mit ihrer andersgläubigen Umgebung lebenden Juden im Rheinland und Süddeutschland, raubten und plünderten, schändeten Frauen und Mädchen, erschlugen Miriaden unserer Glaubensgenossen. Ad majorem dei gloriam, zu Gottes Ehre, verbrannte die Inquisition ungezählte Tausende von Israeliten, wurden zahllose Scharen unserer Brüder aus ihrer Heimat verstoßen und wilden Tieren gleich in die weite Welt gejagt. „Gott will cs" war und ist der Ruf, mit dem ebensoviel oder noch mehr seelische, als körperliche Vual über uns ausgegossen wurde. Unsere. Rabbinen haben die Behauptung aufgestellt, nicht derjenige sei ein Thoraleugner, der wichtige Bestimmungen unserer Religion im Ganzen ablehne, sondern der, welcher an den Ausfüh rungsb estimmungen der Rabbinen rüttle und von solchen sich lossage. Kann es einen schärferen Ausdruck für eine Hierarchie geben, einen stärkeren Beweis für die Haltlosigkeit vieler rabbinischen Bestimmungen? Und worauf stützt sich solche angemaßte Herrschaft? Auf das Dogma der mündlichen Ueberlieferung neben der schriftlichen Thora, auf die Behauptung, daß diese mündliche Ueberlieferung göttlichen Ursprungs sei, daß die Ueberlieferung die schriftliche Thora erläutern, ergänzen und angegebrachtenfalls abändern solle. Dabei sind es Tatsachen, daß nicht einmal die volle Beherrschung der hebräischen Sprache überliefert ist, daß die Rabbinen die Bedeutung