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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 100

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 o o o o Joseph Karrffmonn: Gott will rs! 6ott will es! Von Jofeph Kauffmann-Plauen i. V. ine neue Sonne ist über dem Erdball aufgcstiegen, ihre Strahlen verbreiten das Helle Licht der Aufklärung, vertreiben die Nebel der Vergangenheit. Heller und Heller wird es in den Köpfen der Menschheit, nur in barbarischen Ländern, in die der Strahl der neuen Sonne noch nicht gedrungen, bringt man noch Menschenopfer zur Ehre 'Gottes, erschallt noch der Ruf: Gott will es! wenn man seine Nächsten mordet, anstatt seine Feinde zu lieben. Das Licht der Aufklärung läßt die Nacht des Pfaffentums mehr und mehr erbleichen. Seine Drohungen und Einschüchterungen verlieren an Wirkung, seine Tyrannei wird schwächer von Tag zu Tag. Aber die Menschheit hat sich an das neue Licht noch nicht gewöhnen können. Bei vielen haben die Strahlen der Aufklärung versengend gewirkt. Befreit von dem Zwange der Priesterherrschaft, haben sie sich von jedem Glauben, jeder Religion, losgesagt. Anderen wieder ist das neue Licht noch etwas Fremdes, Ungewohntes und Unbehagen erregendes. Sie fürchten seine blendende Helle, suchen den Schatten der Gewohnheit, sträuben sich gegen die läuternde Macht seiner Strahlen. Sie wollen nicht, daß man am Alten rüttle, damit es nicht wanke und zusammenbreche, sie fürchten sich vor dem neuen Leben, das aus den Ruinen erstehen will. Aber auf der großen Heerstraße des wirklichen Lebens wallen Zahlreiche, denen die Sonne der Aufklärunghell leuchtet, die sich des Lichtes freuen, seinen Segen empfinden, weder von seiner Wärme versengt werden, noch seinen strahlenden Glanz fürchten. Ihnen hat die Aufklärung nicht die Religion geraubt, sondern sie mit neuer Sehnsucht nach Glaubensbetätigung, mit wahrer Begeisterung für das Gute, Edle und Schöne, das Ewige und wahre erfüllt. Ein Schrei nach Religion geht wieder durch die Menschheit, wie schon so oft, wenn die alten Religionsformen erstarrt und verknöchert waren, wenn die Herrschaft des Priestertums die fortschreitende Geistesentwicklung verhindern wollte, wenn Zweifel auf Zweifel durch den täglich vor Augen tretenden Zwiespalt zwischen den Ansichten der Vergangenheit und den Errungenschaften der Gegenwart entstanden. Die alten Götter Griechenlands und Roms hatten abgewirtschaftet, da trat das Christentum seinen Siegeslauf an, die Auflehnung der auf hoher Bildungsstufe stehenden Araber gegen das rohe Heidentum bahnte dem Islam den weg, die Versumpfung des Katholizismus schaffte Raum für die Geburt des Protestantismus. Es sind nicht die Schlechtesten, die wir Wahrheitssucher nennen, nicht die Ungläubigsten, die, in ernstem Ringen am Ueberlieferten irre werdend, neue Wege züm Erforschen des ewig wahren suchen. Die Welt will nicht getäuscht sein, sie will' helles Licht in Geist und Seele dringen lassen. Or chodosch al Zion toir weniske chulonu meliero leoro! Mögest du das neue Licht über Zion erstrahlen lassen, mögen wir alle bald seinen Glanz zu würdigen wissen! Wir Juden haben zwar keine Geistlichkeit, keine Priester, aber hatten und haben Schriftgelehrte, deren Herrschaft ebenso drückend. was war und ist ein Schriftgelehrter? Ein Mann, der sein Leben dem Thorastudium geweiht hat, der die Bibel erklären will und muß, aber dabei oft dazu kommt, aus der Bibel etwas herauszulesen, was nicht darin steht!

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