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Liberales Judentum · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 99

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Ar. Ginstern: Mir Rabbiner 99 Beispiel vorangehen und das liberale Judentum, für das sie eintreten, auch selbst im Leben betätigen. Ls sei doch, meinte man, ein eigenartiger Widerspruch, daß derselbe Rabbiner, der seiner Gemeinde „aus Ueberzeugung" so vieles nachsieht, seine eigene religiöse Praxis nach den Forderungen der Orthodoxie einrichte, daß derselbe Rabbiner s i ch nicht erlaube, was er den Mitgliedern seiner Gemeinde ohne Bedenken zugesteht. Ls ist dies tatsächlich ein bedenklicher Widerspruch. Der liberale Rabbiner richtet sich in seinen: Leben nicht nach seiner Lehre — und seine oft durchweg liberale Gemeinde findet das ganz in Ordnung und würde eher an dem Gegenteil Anstoß nehmen. Wie ganz anders wäre es, wenn ein bestimmtes Programm des Liberalismus bestünde, von dem der Rabbiner sagen könnte: ich stehe auf diesem Programm und die Gemeinde, die mich wählt, weiß, daß ich auf diesem Programm: stehe, und weiß, wessen sie sich von mir zu versehen hat, wenn sie mich wählt. Dann wäre es auf der einen Seite wohl ausgeschlossen, daß eine liberale Gemeinde einen konservativen Rabbiner anstellt, der sich bei ihr nicht wohl fühlen kann, weil er nicht in seinem Sinne zu wirken und Erfolge zu erziele,: vermag, und an dem die Gemeinde keinen Gefallen finden kann, weil er nicht ihren Standpunkt tdilt. Auf der anderen Seite wäre der Rabbiner nicht gezwungen, entweder gegen seine Ueberzengung zu handeln oder bei seiner Gemeinde Anstoß zu erregen. Es wird ja immer in der Gemeinde Leute geben, die — obwohl für sich selber liberal, plötzlich anfangen orthodox zu werden, wenn es sich darum handelt, wie ihr Rabbiner zu leben — oft auch zu lehren habe. Aber wenn der Rabbiner von der liberalen Gemeinde auf Grund seines Bekenntnisses zu dem festliegenden liberalen Programm gewählt ist, dann hat er eine Autorität, auf die er sich stützen kann und mag die Bösredner ruhig reden lassen; denn nicht er ist es, der den Gemeindefrieden stört. Wenn es also so viele Rabbiner gibt, die liberal gesinnt sind, aber so wenige, die sich wirklich liberal führen, dann sind nicht die Rabbiner daran schuld, sondern die Gemeinden, und nicht an die Rabbiner ist die Aufforderung zu richten, daß sie die Grundsätze des Liberalismus an sich selbst betätigen sollen, sondern an die Gemeinden, daß sie ihren liberalen Rabbinern die Möglichkeit geben, wirklich liberal zu sein. Der liberale Rabbiner muß selbstverständlich n i ch t u n b e d i n g t so „neu" sein, wie seine Gemeinde, aber es darf ihm auch nicht seine Stellung erschweren und verbittern, wenn er es ist. Da es sich nur um wirklich liberale Gemeinden handeln kann, so ist keine Verletzung der orthodoxen Richtung zu befürchten, und es wäre nur folgerichtig, daß sie die Liberalen ruhig gewähren lassen würde, nachdem auch diese die Orthodoxen in ihrer Religionsübung nicht stören. Wenn heute die Rabbiner in gelehrten Artikeln die Berechtigung des Liberalismus Nachweisen und das zu verteidigen suchen, was in ihren Gemeinden schon längst geübt wird, so sieht das aus, als ob sie Ja und Amen sagen zu Dingen, die sie doch nicht ändern können. Sie erscheinen nicht als die geistigen Führer der Gemeinden, sondern als die Geführten, wäre die Stellung des liberalen Rabbiners in der liberalen Gemeinde nicht eine ganz andere, wenn ihm gestattet wäre, nicht bloß sich liberal zu nennen, sondern auch liberal zu sein? Abraham Geiger hat schon im Jahre s835 im ersten Bande seiner wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie einen Aufsatz veröffentlicht: „Heuchelei — die erste Anforderung an den jungen Rabbiner unserer Zeit."

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