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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 95

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 95 (sequence 23)
Language
German
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o o o o R u n dfcha n 95 stand dürfe auch auf dem Gebiete der Religion und ihrer Formen niemals eintreten, da sie sonst erstarren würden. Gerade das Judentum habe sich durch alle Gefahren hindurch, die seinen Bestand bedrohten, nur durch Anpassung an die verschiedenen Rulluren und durch eine zeitgemäße Fortbildung erhalten können. Line besonders große Gefahr sei die alexandrinische Epoche für das Judentum gewesen. Aber auch mit der griechischen Philosophie habe sich das Judentum auseinanderzusetzen verstanden und sich philosophisch legitimiert, philo sei es gewesen, der sich hierbei um den Bestand des Judentums ein großes Verdienst erworben hat. Er habe eine Aussöhnung zwischen den beiden großen Mächten, dem Judentum und dem Griechentum herbeigeführt und dadurch die Fortentwicklung des Judentums angebahnt. Der Redner schilderte den Lebensgang philos, der seine Bewunderung der griechischen Geistesschätze mit einer glühenden Liebe zum Judentum verbunden habe. Zn klarer und übersichtlicher weise gab der Redner sodann eine Darstellung von der Philosophie philos, von deren Einfluß auf die Entwicklung des paulinischen Christentums und. das Dogma in der christlichen Kirche und verbreitete sich über die Allegoristik philos. Der Einfluß philos auf die jüdische Theologie und die Religionsphilosophie der späteren Jahrhunderte sei unverkennbar. Durch die xhilonische Philosophie sei das Judentum mittelbar fortgebildet und bereichert und die jüdische Religionsphilosophie angebahnt worden, während die Gefahren, die aus ihr für die Gotteinheitslehre des Judentums entstanden seien, abgewandt werden konnten. Auch auf die Ethik des Judentums sei philo von großem Einfluß gewesen, insofern er auf den Pfaden der großen Propheten gewandelt sei. Er habe mit dazu beigetragen, daß das Juden turn der Diaspora zum Weltjudentum geworden sei. Der Redner fand für seine lehrreichen und sehr interessanten Ausführungen bei den zahlreich erschienenen Zuhörern reichen Beifall. Rutibor. Die Ortsgruppe Ratibor der Vereinigung für das liberale Judentum veranstaltete am 26. März eine größere Versammlung, in der Prediger Dr. Rieger aus Hamburg über das Thema: „Liberales Judentum in seiner religionserhaltenden Kraft" sprach. Zn formvollendeter und von Begeisterung getragener Rede schilderte der Vortragende, wie die orthodoxe Anschauung die Menge der Gläubigen nicht zu fesseln vermochte, weil sie gezwungen ist, an der Verbalinspiration festzuhalten, weil sie ständig Gefahr läuft, in eine rechenhafte Gesetzlichkeit zu verfallen und weil sie sich auf einen Moment des endgiltigen Abschlusses festlegen will. Demgegenüber gebe es für uns nur ein Moment der Erhaltung der Religion, das liberale Judentum, das mit seiner Rückkehr zu den großen Linien der Bibel die alte Glut des religiösen Empfindens zu wecken vermag und so im Flusse der allgemeinen Entwicklung die religiösen Grundideen des Zudentums fester erhält. Alle Anwesenden waren von den gehaltvollen Ausführungen tief ergriffen. _ Königsberg. Repräsentantenwahlen Wir haben eine Bataille verloren! Wir, nicht der Liberalismus. . Die Wähler müssen erst erzogen werden, müssen Disziplin lernen, müssen das Verständnis in sich aufnehmen, daß man zwar nicht kritiklos an die Kandidaten heranzutreten brauche, daß aber die Sache über der Personenfrage stehe. Da ist noch viel zu arbeiten. Wenn von 69l Wählern im ganzen nur -s85 (2s5 liberale, 265 gegnerische) unveränderte Stimmzettel in die Urne warfen, dagegen über 200 nach allen möglichen Richtungell kombinieren, so spricht diese Tatsache Bände. Die Liberalen haben bei einer Beteiligung voll 6s)s Wählern •-= 69 0 <» eine Stimmenzahl von 280 erreicht. Das erscheint wenig, ist aber doch ein beachtenswerter Erfolg, wenn nlan bedeilkt, daß wir zu streiten hatten gegen Orthodoxie, konservative, Scheinliberale und Zioilisteil und wenn man vor allem berücksichtigt, daß lnehrere Hundert russischer Wähler — aufgehetzt durch das offene Delnagogenkunststück, die Liberalen hätten diesen Elementen bei Aufstellung der Kandidaten nicht genügend Raum gewährt und durch das geheime, man wolle den Leuten ihre von der Hauxtgemeinde subventionierte Synagoge nehmen —, Mann für Mann von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Bringt man den religions-radi-

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