Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 94 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Rundschau o o o o habe. Israel liege nicht zertreten am Boden, sondern beweise immer mehr, wie es voller Leben sei. Der beste Beweis hierfür seien die vielen Vereinigungen im Judentum; vor allem sei es die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland", die durch Leben und Lehre den Anspruch Gunkels Lügen strafe. Der Redner ging alsdann zur Bibel über, welche Israel der Menschheit gegeben habe und welche ein weltbuch geworden sei. Bach einer Zeichnung der Entstehung der Septuaginta gab der Redner die Entwicklungsgeschichte der Vulgata, und wies an zahlreichen trefflichen Beispielen nach, welche Verdienste die Nebersetzer der Bibel sich erworben, aber auch wie vielen bedauerlichen und für die Folgezeit unheilvollen Irrtümern, Mißverständnissen und Unwahrheiten der Text der Bibel unterworfen gewesen ist. Manchmal unabsichtlich, in den meisten Fällen aber mit voller Absicht, haben die großen Uebersetzer und Interpreten wie Hieronymus, Luther u. a. den Text einseitig falsch übersetzt und interpretiert, Hervorzuheben sei das Verdienst eines Mannes wie Reuchlin, der viel zur richtigen Wiedergabe gäbe des Textsinnes beigetragen habe. Unsere Pflicht sei es, durch fortgesetzte wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel, durch unermüdliche Arbeit jene Irrtümer wegzuräumen, die Mißverständnisse zu beseitigen und die Unwahrheiten nachzuweisen, den wahren Sinn des Bibeltextes zu verbreiten und zum Genieingut der Menschheit zu machen, wir müssen uns die Bibel wieder erwerben, wenn wir sie recht besitzen wollen. Die lehrreichen und sehr interessanten Ausführungen des Redners, denen die Zuhörer mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschten, fanden überaus lebhaften Beifall. Gs wäre zu wünschen, daß der ganze Vortrag der sehr viel wissenschaftliches Material zur Geschichte unserer Bibel in Deutschland brachte, in Druck erscheint. Fripzig. Die Leipziger Ortsgruppe der liberalen Vereinigung hielt in der zweiten Hälfte des Februar eine Mitgliederversammlung ab, in welcher der Vorsitzende über die Tätigkeit des Vereins im vergangene?! Jahre Bericht erstattete. Aus den Darlegungen des Herrn Referenten interessierte besonders, daß die hiesige Ortsgruppe ihre Stellungnahme zu dem hier bestehenden Iugendvereine genau erwogen und keinen Anlaß gefunden habe, dessen Bestrebungen zu bekämpfen, da derselbe nach den getroffenen Feststellungen religiös unparteiisch ist und eine wirklich anerkennenswerte, vorwiegend erzieherische Tätigkeit entfaltet.' — von allgemeinem Interesse war auch die Mitteilung, daß auf Betreiben der hiesigen Orthodoxen unter Führung des Rabb. Dr. Tarlebach eine jüdisch-konfessionelle Re alschule für Leipzig behördlich genehmigt und bereits soweit finanziell gesichert worden ist, daß sie schon zu Oster?! dieses Jahres eröffnet werden soll. In den Kreisen der liberalen Juden Leipzigs bedauert??kiii diese erneute Absonderungsbestrebung der Orthodoxen, da vorauszusehen ist, daß sie die Entfremdung von unsere?! a?!dersgläubigen Mitbürgern förder?? wird. — An diese Erörterungen schloß sich ein Vortrag des Herrn Joseph K a u f f??! a n n aus Plauen i. v. über die „Aufgaben des liberale?? Iude??tums". Der Redner fesselte die Zuhörer durch feine für einen Laiei! außergewöhnliche Sachkenntnis, durch scharfe aber stets gerechte, von orthodoxer Grundanschauu??g ausgehe??de Kritik an den veralteten und überlebten Gebräuche?! und vor alle??! durch wirklich greifbare, praktische Reform-Vorschläge, die rvohl geeignet .sind, als Ausga?!gspu??kt einer tntenfiüen Reformarbeit seitens der dazu berufenen Organe unserer Vereinigung zu dienen. Es erübrigt sich, auf die von Herrn Kauffmann entwickelten Gedanken hier näher einzugehen, da er dieselben zu?n Teil schon i?? dieser Zeitschrift veröffentlicht hat und i?? derselben noch zu?n Gegenstand weiterer Erörterungen machen?vird. Berlin, (8. März. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Ge-?neinde zu Berlin veranstaltete heute u?!ter Leitu?!g seines stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Professor Blaschke, einen Vortragsabend i??? Tiergartenhof. Herr 'Professor Horowitz sprach über „Die Entwicklung des alexandri??ischen Iude??tums unter de?n Ginfluß philos". Der Redner ging davon aus, daß' auch das religiöse Leben de?n Gesetze der Entwicklung unterworfen sei. Gin Still-