Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Rundschau 93 Nach Auffassung des Herrn Vortragenden, die auch die der liberalen christlichen Theologen ist, ist aber der ganze Prozeß unwahrscheinlich 1. weil Jesus selber Wert darauf gelegt hat, ein frommer Jude zu sein; 2. weil damals das Urteil nicht mehr den Juden zuftand. Dann bleibt die Frage: was hat denn die Kreuzigung verursacht? Man wollte den messianischen Schwärmer, den man in jenen bewegten Zeiten politisch für gefährlich Istelt, unschädlich machen, und gerade die Römer fürchteten, wenn eine - starke Persönlichkeit die Juden sammele, sei ihre Macht dahin, und darum verurteilte ihn Pontius Pilatus als einen Hochverräter. So ist auch die Inschrift J. N. R. J. zu verstehen. Am Schlüsse fragte der Herr Vortragende: „Was können wir für eine nicht vorhandene Schuld von vor fast 2000 Jahren? vereinbart es sich mit der „christlichen" Nächstenliebe, wie sie doch meist genannt wird, heute noch zu sagen: wir Juden hätten Iesum gekreuzigt? Will das Christentum eine rechte Tochter des Judentums sein, dann nehme es auch deren Ethik an, worin es heißt: „Nicht sollen sterben Rinder wegen der Schuld ihrer Väter" und unsere Väter hatten keine Schuld an der Kreuzigung Jesu. Mit starken:, lang anhaltendem Beifall dankten die sehr zahlreich Erschienenen dem Herrn Vortragenden. w. S i m s o n. Vanzig. Am Mittwoch, den 2\. Februar, veranstaltete unsere Ortsgruppe unter dem Vorsitze des Herrn Iustizrat Steinhardt eine Versammlung, in welcher Herr Rabbiner Dr. Gold mann-Oppeln, einen Vortrag hielt. Sein Thema lautete: „L e h r e und L eb e n". Der Vortragende ging von der natürlichen Spannung aus, welche zwischen den Forderungen der Religion und den Forderungen des Gebens besteht. In anschaulicher Weise legte er dar, inwieweit Lehre und Leben aus diesem Gegensätze Befruchtung gewinnen und ihn überbrücken können. Er schilderte mit packender Lebendigkeit die Zustände, welche das Verhältnis dieser beiden Begriffe innerhalb des Judentums geschaffen und wies nach, wie weder der Radikalismus noch §ie Orthodoxie, deren Unwahrhaftigkeit und Inkonsequenz treffend gekennzeichnet wurden, den notwendigen Ausgleich in der Gegenwart schaffen können: diese Arbeit könne nur geleistet werden von dem positive werte schaffenden und positive Ausprägung fordernden liberalen Judentum. Der zweite Redner des Abends, Herr Rabbiner Dr. Kaelter, behandelte die Frage: „W a s ist uns d a s 'Religionsgesetz?" Seine knapp formulierten Darlegungen brachten den Nachweis, daß das Religionsgesetz niemals etwas Starres, sondern von jeher in steter Entwicklung begriffen gewesen sei. Aus dieser Feststellung zieht die Vereinigung für das liberale Judentum das Recht, dem Religionsgesetz bewußt kritisch gegenüberzutreten, es so umzubilden und auszubauen, daß es auch für die ihr angehörenden Juden religiöses Leben trage und erzeuge, denn diese Vereinigung ist ein Zusammenschluß von Juden, deren Anschauungskomplex auch eine Etappe auf dein!vege der ewigschöpferischen Entwicklung des Judentums darstellt. Diese von der liberalen Vereinigung gewollte Veränderung hat sowohl dort, wo sie Einrichtungen des im Schulchan Aruch kodifizierten Religionsgesetzes aus inneren Gründen negiert als auch dort, wo sie neue religiöse Forderungen aufstellt, sich nicht von der Willkür leiten zu lassen, sondern von den aus der geschichtlichen Erkenntnis der bisherigen religionsgesetzlichen Entwicklung gewonnenen Prinzipien. Beide Redner fanden den lebhaftesten Beifall der Anwesenden, wir dürfen feststellen, daß, dank der Mitarbeit unserer Zeitschrift, der liberale Gedanke auch in unserer Gemeinde langsam aber stetig an Wachstum gewinnt, sodaß wir hoffen dürfen, bald eine weitere Erstarkung unserer Ortsgruppe melden zu können. Berlin, Im liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde sprach am 22. Februar vor einem zahlreich erschienenen Publikum im Altstädter Hof Herr Direktor Dr. Holzman über das Thema: „Zur Geschichte unserer Bibel in Deutschland". Herr Direktor Dr. Holzman ging von der Bemerkung Gunkels aus: „Israel liegt zertreten am Boden" und führte einleitend aus, daß sich Herr Professor Gunkel sehr geirrt