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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 92

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 92 (sequence 20)
Language
German
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92 Nurrd schau 0 0 0 0 Regster Beteiligung erfreuen sich die im Dezember v. 3* eingeführten Diskutierabende, die zunächst nur für unsere Mitglieder stattfinden und durch Referate, die unsere Mitglieder selbst halten, das 3nteresse für jüdische Fragen wecken sollen. Die Beteiligung an dieser neuen Veranstaltung ist so rege, daß wir bis zum kommenden Winter mit vortragen und Referaten versehen sind. Mit großer Freude sei die Tatsache erwähnt, daß auch von seiten der Lehrer unserm Verein das größte Interesse entgegengebracht wird; die Herren Lehrer Lstrschfeld, Abraham, Geismar und andere haben bereits Vorträge zugesagi. Am ersten Diskutierabend sprach Herr Dr. John Wertheim über das Thema: „Die Kunst des Diskutierens". Seine schönen Ausführungen über die Kunst des Diskutierens waren selber eine Kunstleistung. Die beiden folgenden Abende, an denen die Herren Kurt Levy, paut Alkan, Ernst Danziger und Fritz Nathan sprachen, waren der Propaganda unseres Vereins gewidmet. In der ersten Veranstaltung in diesem Jahre gedachte der Leiter der Diskutierabende Herr Lehrer Simson, Ludwig philippsons und gab ein Bild seines Lebens und seines vor allem auf praktische Arbeit gerichteten Strebens. In den nächsten Wochen werden sprechen: Herr Diplom-Ingenieur Hans I. Remak über „Jüdische Strömungen in der Studentenschaft", Herr Dr. Levy über „Nationalismus", die Herren Zippert und Bernstein über „Die Vorträge Sombarts", Herr Thocke „Der verbandstag der deutschen Juden", Fräulein Rosenberg „Die Kunst und die Juden" u. a. Am Februar sprach in öffentlicher Versammlung Herr Rabbiner Dr. Elsaß aus Landsberg a. W. über das Thema: „Der prozeß Jesu". In der Einleitung betonte er, daß er seine Ausführungen auf die Untersuchungen christlicher Gelehrter stützen und alle seine Behauptungen und Beweise aus christlichen Quellen zitieren und begründen wolle. Ueber das Leben und wirken Jesu werden wir in den vier Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes unterrichtet. An eine kritische Würdigung dieser vier verschiedenen Berichte ist man erst seit Lessing (in den wolfenbüttler Fragmenten) gegangen; das Ergebnis ist. daß man in diesen Evangelien nicht kirchlich beglaubigte Urkunden zu sehen hat, weil sie vielleicht erst ein Jahrhundert nach dem Tode Jesu die Fassung erhielten, in der sie heute vorliegen. Jesus selbst hat nichts ausgezeichnet; und bedeutende christliche Gelehrte wie Kalthoff und Drews haben sogar die Behauptung aufgestellt, daß diese Evangelien so wenig zuverlässig seien, daß man an der historischen Wirklichkeit Jesu zweifeln dürfe. Der Herr Vortragende verliest nun den Bericht über die Anklage und Verurteilung Jesu nach dem Wortlaut des Matthäus, gerade der Apostelgeschichte, die uns Juden am gehässigsten ist, und die leider heute zumeist im christlichen Religionsunterrichte in die Kerzen der Kinder gesenkt wird. Nach dieser Darstellung tragen einzig und allein die Juden die Schuld der Kreuzigung; doch ist auch 'dieser Bericht tendenziös abgefaßt und man merkt die Absicht des oder der Verfasser : Durch ihre Berichte wollten, die Apostel neue Anhänger in der heidnischen und römischen Welt gewinnen, und es mußte ihnen deshalb daran liegen, Iesum und den Römer pontius pilatus rein zu waschen; auch herrschte damals, so sagt Harnack, bereits stark der Kampf zwischen Mutter- und Tochter-Religion. Das alles trug dazu bei, manche Szene hinzuzudichten wie die vor dem Richthaus. Nehmen wir aber einmal an, Jesus habe die Worte: „Ich bin Gottes Sohn. . . ." wirklich gesprochen, dann hätte er nach dem jüdischen Gesetze eine Gotteslästerung ausgesprochen, und diese Worte mußten den Juden als eine maßlose Ueberhebung und Beleidigung .der Gottheit erscheinen. So urteilt der christliche Amtsrichter Dörr, der den Prozeß Jesu von der juristischen Seite nach dem damaligen römischen und jüdischen Gesetz untersucht hat. Auf Grund dieser Gotteslästerung wurde Jesus schuldig befunden, nun aber nicht gesteinigt, sondern nach römischem Recht gekreuzigt, wer an dem Dogma rüttelte, und wenn er auch s^OO Jahre später gelebt hat, wurde verbrannt, so Servet, so Huß'; und wenn Luther und Talvin statt Kaiphas zu Gericht gesessen wären, sie hätten Iesum nicht sreigesprochen. Dazu kommt, daß der prozeß hinter verschlossenen Türen stattgefunden hat, und kein Augen- und Ghrenzeuge auch nur ein Sterbenswörtchen darüber hinterlassen hat.

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