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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 87

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 87 (sequence 15)
Language
German
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o o o o Dr. Feist: Eine vergleichende religisns-geschichtliche Betrachtung 87 erwerben, indem gewissermaßen die Kraft des Tieres durch das Verspeisen auf den Menschen übergeht, von totemistischen Anschauungen finden sich indes bei der altisraelitischen Religion nur wenige Spuren (das goldene Kalb, die eherne Schlange?), obwohl eine tiefergehende Beeinflussung von Seiten der Lgypter, die den Tierkult in ausgedehnter Weise betrieben, nahe genug gelegen hätte, wenn der Aufenthalt der Kinder Israel in Egypten einen historischen Hintergrund hat. Line andere Erscheinungsform primitiven Denkens, die viel weiter verbreitet und in ihren Wirkungen dauerhafter ist als der Totemismus, ist das Tabu, so benannt nach einem Wort der Südsee-Insulaner. Darunter versteht man die Vorschrift, daß man gewisse Tiere nicht essen oder sogar nicht berühren darf, daß sie in bestimmter Weise gefangen, geschlachtet und zerlegt werden müssen u. dgl. m. In diesem Punkte ist eine Berührung mit totemistischen Anschauungen oft vorhanden. Aber auch andere Objekte werden unter Umständen tabuiert: bestimmte Worte dürfen nicht gebraucht werden, oder es wird positiv gefordert, daß vorgeschriebene Trachten angelegt werden müssen usw. Nicht selten beziehen sich die Tabu-Vorschriften nur auf gewisse Bevölkerungsklassen, auf bestimmte Zeiten oder Orte. Ihrem Ursprünge nachzugehen oder ihn gar zu erklären, ist zumeist ganz unmöglich, schon aus dem Grunde, weil wir uns schwer in den Gedankenkreis primitiver Völker zu versetzen vermögen, so wenig wie wir die von Kindern beim Spiel selbstgegebenen und mit eifersüchtiger Strenge beobachteten Regeln und Gesetze als logisch oder zweckmäßig anzuerkennen vermögen. Auch wir Erwachsenen haben ja bestimmte Mode-, Anstands- und Sittenregeln, die an Strenge einem Tabuverbot nichts nachgeben, obwohl es schwer halten wird, sie in vernünftiger weise zu erklären. Jede Zeit, jede Kultur hat eben ihre Gesetze, die aus ihrer Denkungsart fließen; ragen diese Vorschriften aber infolge des Gesetzes der Beharrung in eine spätere Zeit mit anderen Be- -griffen und logischen Denkelementen hinein, so werden sie als unlogisch empfunden und mit der neuen Denkungsart durch Deutungsversuche in Einklang zu bringen versucht. Mit einer solchen Tabu-Vorschrift, einem Relikt aus der Urzeit des israelitischen Volkes, haben wir es bei dem verbot „du sollst nicht das Böcklein kochen in der Milch seiner Mutter" zu tun. Um das zu beweisen, wollen wir uns die ganz entsprechenden Vorschriften bei einem nach Gstafrika ausgewanderten, ursprünglich semitischen Volksstamm, den Masai, ansehen. Ich habe über diese kriegerischen und räuberischen Nomaden einen kurzen Bericht in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Nr. \9 und 20 gegeben, auf den ich hier verweisen möchte. Die religiösen Anschauungen und Schöpfungsmythen der Masai berühren sich eng mit den in unserer Bibel überlieferten und machen es wahrscheinlich, daß beide Traditionen auf eine ursemitische Quelle zurückgehen, aus der auch die entsprechenden babylonischen Berichte geflossen sind. Da die Masai bis jetzt das auch für die israelitischen Stämme der Urzeit vorauszusetzende Nomadenleben mit eigenartigen sozialen Institutionen beibehalten haben, so reihen sich viele ihrer mit den jüdischen gleichartigen Bräuche vortrefflich in das vorhandene System ein, während sie im geschichtlichen Judentum jeden Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Organisation verloren haben und zu rein religiösen, traditionell beibehaltenen Satzungen geworden sind. Ich erinnere vor allem an den Beschneidungsakt, der bei den Masaiknaben zwischen dem s2ten und (6ten Jahre vollzogen wird, wenn sie kräftig genug für das beginnende Kriegerleben sind. Alle mannbar gewordenen Knaben werden gemeinsam beschnitten; eine Reihe von Beschneidungsjahrgängen bilden eine bestimmte Altersklasse, für die nunmehr die Erlaubnis gegeben ist, in den geschlechtlichen Verkehr einzutreten. Sie leben eine Reihe von Jahren in völliger Ungebundenheit mit den jungen Mädchen ihres Stammes im Kriegerkraal zusammen; neben der freien Liebe aber beschäftigen sie sich in der Hauptsache mit der Vorbereitung auf ihren künftigen Kriegerberuf, in den sie endlich auch praktisch auf einem oder mehreren Beutezügen eingeführt werden. Trotz ihrer sonstigen Freiheit sind den angehenden Kriegern durch eine Reihe von Tabugeboten manche Beschränkungen auferlegt. So berichtet uns der. verstorbene deutsche Hauptmann Merker

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