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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 85 (sequence 13)
Language
German
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MaX Wiener: Jüdische Denker des Mittelalters 85 der Gffenbarungsglauben den Menschen die Achtung vor dem unvergleichlichen Wert der Bibel suggeriert; sondern umgekehrt, hat die freie Ueberzeugung von ihrem einzigartigen Werte den Glauben geschaffen, daß sie übernatürlichen Quellen entströmt sei. Ist aber dieser Gedankengang richtig, so muß unsere Frage mit noch größerer Dringlichkeit gestellt werden. Worauf beruht der unvergängliche, der klassische Charakter der Bibel, ihre ewige Größe, wenn wir sie mit späteren Werken des jüdischen Geistes vergleichen? Auf diesen Blättern sollen Bilder aus der Gedankenwelt des mittelalterlichen Judentums entworfen werden. Es wird von Denkern die Bede sein, die — auf der vollen Höhe zeitgenössischer Bildung und Wissenschaft stehend — uns künden, wie der Gehalt der überlieferten Religion sich in ihren Röpsen spiegelte. Mancherlei haben sie den Modernen und Modernsten noch zu sagen. Aber in recht vielem berühren sie uns fremdartig oder gar nicht; oft zeigen sie in ihren religiösen und sittlichen Ansichten wenig von der Frische, welche der Bibel den Ewigkeitscharakter verliehen hat. Der Grund ist der: die heilige Schrift bietet die reine Lehre einer sittlichen Religion dar, die noch durch keinerlei theoretische „Weltanschauung" belastet ist, und auf keinerlei „Wissenschaft" Rücksicht zu nehmen braucht. Die Propheten hatten die Wahrheit entdeckt, daß im Zentrum alles religiösen Bemühens die Pflicht der Menschenliebe stehe, und demgemäß redeten sie im Namen eines Gottes, der vor allem das sittlich Gute will. Das ist eine Wahrheit, die niemals veralten kann. Und sie wurde in eine Form gegossen, welche gewisse Stücke der hebräischen Bibel zu den künstlerisch wertvollsten Werken der Weltliteratur zu zählen berechtigt. Sc konnte die Bibel ewig werden, weil sie sich auf das Ewige beschränkte. Die Späteren aber, also z. B. unsere mittelalterlichen Denker, taten das nicht, und sie konnten und durften es nicht tun. Denn sie lebten und atmeten inmitten einer Rultur, die unvergleichlich viel reicher und vielseitiger war als die ihrer Altvorderen im Lande Ranaan. Vor allem war inzwischen die griechische Weisheit in den Strom der allgemeinen Entwicklung gemündet. Griechische Wissenschaft galt dem ganzen Mittelalter als die Wahrheit schlechthin. Zu ihr mußte jeder Stellung nehmen, der den Einspruch erhob, ein geistiger Führer zu sein. Nichts ist verkehrter als die Meinung, daß die Juden während jener langen Jahrhunderte von der frischen Luft der umfassenden „weltlichen" Bildung abgeschlossen gewesen wären, daß ihnen erst die Emanzipation zu Beginn des l9- Jahrhunderts die Pforte zu ihr erschlossen hätte. Indem aber die jüdischen Denker sich in die Weisheit der Griechen versenkten, sie in ihr Bewußtsein aufnahmen, erwuchs eine religiöse Weltanschauung, in der sich biblisches Wesen mit hellenischem vermählt hatte: die jüdische Religionsphilosophie. Reine Weltansicht ist ewig; jede Metaphysik nur der Ausdruck des jeweiligen Gehaltes der Rutturentwicklung. Dieses Schicksal mußte sich auch an der jüdischen Philosophie erfüllen; und es hat sich an ihr erfüllt. Ihre bleibende Bedeutung besteht darin, daß sie gezeigt hat, wie der Gedankengehalt des Judentums' fremden Geist sich zu assimilieren verstanden, wie die israelitische Religion Probleme und Fragen, die ihrem ursprünglichen Gesichtskreise fern lagen, zu bewältigen vermocht hat. Indem so das Judentum auf die große Weltbühne hinaustrat, gewann es zugleich ein klareres Bewußtsein seiner selbst. Denn auch die Gedanken und Religionen wachsen mit ihren größeren Zwecken und Aufgaben. Welcher Art das Wachstum und die Vertiefung waren, die der jüdische Geist so erfuhr, soll im folgenden dargelegt werden. Es könnte sein, daß das Verständnis der biblischen Lehre gefördert wird, wenn man sie auf ihrer Wanderschaft begleitet; wie die Natur des Lichtes an seinen Brechungen und Reflexen besser erkannt wird.

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