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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 84

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 MUL Wiener: Jüdische Arnker des Mittelalters o o o o Erkenntnis- und Sittenlehre einzuschlagen hakte, konnte so schon frühzeitig bestimmt werden. Und darum gibt es klassische ewige Meister des reinen Gedankens. Denn durch den Charakter ihrer Lebensarbeit ist es bedingt, daß sie sich der Geistesgeschichte mit einer Stetigkeit einfügt, welche auf dem Gebiete der einzelnen Erfahrungswissenschaften versagt bleiben muß. In der Kunst aber offenbart sich eine Sphäre des Geistes, die gleichfalls, wenn auch in anderer Weise^ ein Ewiges, Unvergängliches ausdrückt: innerliche Gestimmtheiten, Gefühle, Affekte, Leidenschaften, die dauernden, treuen Begleiter alles menschlichen Lebens. In ihnen enthüllt sich recht eigentlich die Innenseite unseres Wesens, persönlichstes Dasein. 'Freude und Schmerz, Tatkraft und Feigheit, Verzweiflung und Begeisterung, Liebe und bsaß, Zufriedenheit, Ehrgeiz, Scham, oder an welche andere Gemütszustände man immer denken mag, sie können sich an äußeren wandelnden 'Erfahrungen und Schicksalen wohl entzünden und verstärken, bleiben sich aber selbst ihrem eigensten Charakter nach stets gleich. Sie sind das ewig Menschliche, das Ewige im Menschlichen, der Ausdruck unseres Wesens, soweit dieses keinem Wechsel und Wandel untertan ist. Gewiß wird das Gefühlsleben der Kulturmenschheit immer reicher, immer feiner nüanciert. Aber das ist nichts anderes denn eine Verflechtung und Verschmelzung der ursprünglichen "Elemente im Haushalte unseres Gemütes, die in der Seele unserer frühesten Vorfahren wirksam waren, die wir in uns selber noch bestimmt lebendig fühlen. Diese Seite menschlichen Seins zu gestalten, zur Anschauung zu bringen, ist die Aufgabe der Kunst. Ihre Werke werden uns daher, selbst wenn sie längst verschollenen Zeitaltern entstammen, bei einigermaßen entwickelter Technik, immer etwas zu sagen haben. Denn das geistige Leben, dessen anschauliche Offenbarung sie sind, feiert ewig seine Wiedergeburt in dem Geiste, der sich betrachtend in sie versenkt. Stellen wir nun unsere Frage auf die Geschichte der religiösen Entwicklung ein, um zu erkennen, was hier dauernd, was vergänglich ist, fo machen wir von vornherein eine Beobachtung, die sich auf keinem Gebiet des geistigen Lebens wiederholt. Der Schwerpunkt der Religionsgeschichte erscheint als völlig in die graue Vergangenheit gerückt, in die biblische Zeit. In allen übrigen Kultursphären wechseln die fetten und mageren Jahre oder Jahrhunderte. Unsere Religion — und bei den ihrem Schoße entsprossenen, ist es za ähnlich — kennt Int Grunde nur ein Heldenzeitalter, die biblische Periode ihrer Entstehung; sie erkennt nur ein unbedingt klassisches Werk an, die heilige Schrift. Alles Spätere muß sich als erfüllt von ihrem Geiste ausweisen. Die Erklärung für diese Tatsache scheint fa recht nahe zu liegen: die biblische Religion, so wird man sagen, genießt darum ihre einzigartige Autorität, weil sie die wunderbare Offenbarung Gottes ist, der in ihr ein für alle Mal die Wahrheit kundgetan hat. Und — so wird mancher vielleicht fortfahren — sie genoß das hohe Ansehen, den unbedingten Respekt nur so lange, als man fest an ihre übernatürliche Abstammung glaubte und sie nicht Werken gleichsetzte, die Menschengeist entsprossen. Ueber das Recht und den möglichen Sinn des Gffenbarungsgedankens braucht hier nicht entschieden zu werden. Aber daran müssen wir doch denken, daß die biblische Lehre als göttliche Offenbarung nur gelten, daß man ihr einen übernatürlichen Ursprung nur zugestehen konnte, wenn man ihren Inhalt als reinste Wahrheit empfand, -wenn man die von ihr verkündigten religiösen und moralischen Grundsätze als unbedingt und dauernd gültig zu verehren vermochte. Im tiefsten Grunde hat doch nicht

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