Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126500-3126505--1108-3127910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
O 0 c o MaX Wiener: Indische Denker des Mittelalters 83 Anders liegt das Verhältnis, wenn wir gewisse andere Ausschnitte aus dem Geistesleben der Menschheit betrachten. Die Ideenlehre des pfotort, die Ethik der Stoiker, die Geometrie des Euklid: sie sind noch nicht veraltet und überholt, noch nicht historisch in dem Sinne geworden, daß sie nur dem Historiker ein Interesse bieten. Ebensowenig überwunden ist die Venus von Milo und manch anderer Torso aus dem klassischen Altertum. Dante und Shakespeare, Raphael und Dürer, Bach und Beethoven, auch 'sie gehören noch nicht der „Geschichte" an und dürften dieses Ziel noch lange nicht erreichen. Was lehren diese Beispiele? Sie weisen alle hin auf die Heroen des reinen Gedankens, und auf die Meister vollendeter Aunst. Ihnen kommt offenbar die Ewigkeit zu, indem die Geltung ihrer Leistungen von aller zeitlichen Entwicklung unabhängig ist. Sie würden auch dann wahr und schön bleiben, wenn keiner lebte, der ihre Wahrheit anerkennen, ihre Schönheit bewundern könnte. Das Geheimnis dieser Unvergänglichkeit enthüllt sich uns, wenn wir das Verhältnis betrachten, in welchem die klassischen Denker und Uünstler zürn menschlichen, zum rnenschheitlichen Geiste stehen. Ein Beispiel: der Philosoph platon ist unsterblich, aber der Mediziner Galen nur noch historisch interessant, Aristoteles, der Schöpfer der Logik, ist unvergänglich, aber der Naturforscher Aristoteles zur „geschichtlichen" Persönlichkeit erstarrt. Das kommt daher, weil jede Wissenschaft, die sich allein von der Beobachtung und der Erfahrung nährt, notwendig das Schicksal von Beobachtung und Erfahrung teilt: sie ist so irrtumsfähig und schwankend und gebrechlich, wie nur eben jene Werkzeuge es find, die ihr den Stoff zur Verarbeitung liefern. Irgend eine neue Beobachtung, eine auf gut Glück unternommene Entdeckung ist imstande, die scharfsinnigste Theorie zu nichts zu machen. Ein einziger neuer Fall, der sich der Regel nicht fügt, stürzt erbarmungslos ein fein ausgedachtes „Gesetz", das sich auf tausend Beobachtungen stützt, nun aber bei 'der tausend und ersten versagt. Das heißt: alle auf Erfahrung beruhende Wissenschaft muß sich immer darauf gefaßt machen, umzulernen ünd von neuem anzufangen. Unvergänglichkeit wird nur die Arbeit des menschlichen Geistes lohnen, die in den Sphären des reinen Gedankens schafft. Dieses Gebiet ist aber nicht ein luftiges, der Wirklichkeit entfremdetes Reich; im Gegenteil, erst durch jene Arbeit erhält die Wirklichkeit, welche die bloße Beobachtung und Wahrnehmung nicht vor dem Geschick bewahren können, für unsere Erkenntnis zu zerfließen und zu zergehen, festen Halt und Rückgrat und vernünftigen Sinn. Denn unser wissen von Welt und Leben wird nicht bloß durch das geformt und gefaltet, was Wahrnehmung und Empfindung uns schenken, die immer unvollständig und vergänglich bleiben; sondern vor allem durch die Schöpfungen des reinen Denkens, wie sie sich in Mathematik, Logik und Ethik offenbaren. In den Leistungen dieser Wissenschaften aber hat der Menschengeist von jenen Tagen des Erwachens an, da sein Interesse über den Rreis der unmittelbaren Lebensnotdurft hinausschritt, unzerbrechliche Fundamente gelegt. Wohl wurden sie im Laufe der Geistesgeschichte verstärkt und vertieft, wohl sind sie noch ferneren Wachstums fähig. Aber kein Zweifel, keine Skepsis vermag ihnen ernstlich etwas anzutun. Denn bei ihren grundlegenden Bestimmungen wird die Vernunft unabhängig von aller Erfahrung sich ihrer eigensten Mittel und Werkzeuge bewußt, wie sie die Wirklichkeit erkennend durchleuchte; gibt sie sich über die Prinzipien und Gesetze Rechenschaft, nach denen das Leben frei gestaltet, sittlich ümgeschaffen werden soll. Die Richtung des Weges, den die allgemeine