Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Otto Mendelsshrr: Freimaurerlogen und Juden 81 ist zu ihnen hinzugefügt worden durch alle predigten, Familien und Textbücher, welche Moralisten und Theologen zur Welt gebracht haben. Ueber unser sittliches Betragen ist fetzt dem gebildetsten Europäer nicht ein einziges Prinzip bekannt, welches nicht auch den Alten bekannt gewesen wäre. Daß namentlich das Moralsystem des neuen Testaments, keine einzige Maxime enthält, die rächt schon früher ausgesprochen .worden, und daß einige der schönsten Stellen in den apostolischen Schriften aus indischen und heidnischen Schriftstellern genonrmen sind, ist jedem Gelehrten wohl bekannt. Tondorcet sagt: Die Moral aller Völker ist dieselbe gewesen, und Kant, Werke I, S. 356: In der Moralphilosophie sind wir nicht weiter gekommen als die Alten. Um den Ausschluß der Juden aus den Logen als geschichtlich begründet erscheinen zu lassen, wurde weiter behauptet, daß die Absicht der Gründer der Loge nur auf Aufnahme von Christen und auf den Ausschluß aller Nichtchristen gerichtet gewesen wäre. Tine ganz dreiste, willkürliche Behauptung, für welche nicht die geringste dokumentarische Unterlage vorhanden ist. Die Herren verwechseln eben ihren Geist mit dem Geiste der Begründer der Freimaurerlogen Deutschlands. Das wahrhaft humane ist ebenso wie die Gottheit international und interkonfessionell und nicht Privateigentum einer preußischen Logengemeinschaft. In Italien hatte Herr Ernesto Natan, der Bürgermeister- Roms, den höchsten Logenrang bekleidet. In den Logen Englands hat es nie eine Iudenfrage gegeben. England besitzt aber auch, und dies ist sehr wesentlich, eine Aristokratie, welche die mit diesem Begriffe verknüpften Bedingungen und Pflichten, im Großen und Ganzen erfüllt hat und zu erfüllen versteht, bis auf den heutigen Tag. Die Aristokratie soll sein eine Herrschaft der Besten im eigentlichen Sinne, sie soll sein, eine Herrschaft derjenigen, bei denen der innere wert vollständig den äußeren Prärogativen entspricht. Vielleicht ist bei uns der sonst ganz unverständliche, erbitterte Anäsemiäsmus gewisser leitender Kreise, bei denen ihre hohe äußere Stellung längst nicht mehr der adäquate Ausdruck ihres inneren wertes ist, zurückzuführen auf die mehr oder weniger deutliche, aber bittere Erkenntnis, daß sie bei der Mehrzahl der deutschen Juden gerade diejenigen moralischen und ethischen Qualitäten als vorhanden anerkennen müssen, die ihnen selbst infolge Degenerierung, im Laufe der Zeiten abhanden gekommen sind. Dies scheint die tiefere psychologische Ursache ihres Verhaltens gegen die Juden zu sein. So sehen wir denn auch, daß als die Frankfurter Freimaurerloge „Zur aufgehenden Morgenröte", die viele Juden zu Mitgliedern hat, und die, politischer Verhältnisse wegen, sich von dem Großorient von Frankreich abgetrennt hatte, von der englischen Großloge bereitwilligst eine Stiftungsurkunde erhielt, in welcher der englische Großmeister — ein wahrer Aristokrat —, der Herzog von Sussex, folgendes in einem besonderen Schreiben erklärte: „Indem wir uns mit unterwürfiger Eingebung vor dem großen Baumeister des Weltalls beugen, und den Vorschriften des göttlichen Gesetzes gehorchen, schließen wir niemand wegen seiner Religion oder wegen seiner Weise Gott zu verehren, diese mag sein, von welcher Art sie will, von unserem Bunde aus." Einem Abgeordneten der Berliner Royal Hork Loge gegenüber, äußerte der Herzog von Sussex folgendest) „Die Maurerei ist ein schönes Band, das die Menschen aller i) Allgem. Handbuch der Freimaurerei. Leipzig 1900. Verlag M. Hesse.