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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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o o o o Otto Mendelsohn: Freimaurerlogen und Juden 79 Mer nun aber das Studium der Bibel empfiehlt, glaubt der wirklich, der Geschäftsmann, der Handwerker, der Herr Kommerzienrat werden einmal im stillen Kämmerlein mit <Lrnst ein Kapitel in der Bibel lesen? — Aber angenommen, der eine und der andere täte es, kann er sich in der Bibel allein zurecht finden? Mer wird ihm all die scheinbaren Midersprüche lösen? Mer wird ihm sagen, daß der eine und der andere Bericht in veränderter Form sich wiederholt? Mer wird ihm beim Lesen z. B. des ersten Kapitels sagen, daß er ein sehr guter Jude ist, auch wenn er die darin geschilderte Schöpfung nicht glaubt? — Er braucht einen Führer beim Studium der Bibel, er braucht einen Religionslehrer, wie ihn des Kind auch braucht; denn beide sind ohne ihn nicht im stände, den Bibeltext mit Nutzen zu lesen. Mer dient jhm aber als Neligionslehrer? Der Prediger auf der Kanzel — sollte man meinen. Aber den zu hören, hat er einmal wenig Gelegenheit; dann aber enthalten die predigten meist nichts weniger als Schrifterklärungen, wie sie einem, der die Bibel studieren soll, nützen können. Aber in den Ortsgruppen der liberalen Vereinigung ist die Gelegenheit möglich, Hier gibt es leider noch Mitglieder, die wohl einiges Interesse für die allgemeinen Bestrebungen der Vereinigung bekunden, die aber das Studium der Bibel noch dringend nötig haben; und hier kann der Rabbiner oder Religionslehrer in regelmäßigen Versammlungen durch gemeinverständliche Erläuterungen des Bibeltextes im Sinne des liberalen Judentums bei den religiös Indifferenten das Interesse für die Religion, den Sinn für jüdisches Mesen erwecken und das Herz für die jüdische Sache begeistern. Damit könnte auch erreicht werden, daß Zar vielen Mitgliedern der Vereinigung das Mort liberal kein leerer Schall mehr ist, dann auch würde der von orthodoxer Seite so oft erhobene Vorwurf, daß die Mitgliedskarte der Liberalen Vereinigung ein Freibrief für die Irreligiösität sei, an Berechtigung verlieren. Auch in der Zeitschrift der Vereinigung kann durch positive biblische Belehrungen im Anschluß an Texterläuterungen religiöses Missen unter den Indifferenten (weil Ignoranten) gefördert und religiöses Leben gewährt werden. Denn nur in modernem Geiste gelehrt und erfaßt, kann uns das Judentum zum Segen werden. Freimaurerlogen unä Juäen. Von Otto lNencteilobn-berlin. Motto: Homo res sacra homini. Etwas Heiliges sei dem Menschen der Mensch. Seueca. n der Zeit des Niederganges des jüdischen Reiches, als von moralisch degenerierten Großen, den Edelsten der Nation, das Volk drangsaliert wurde und es vor dem Gesetze nicht mehr sein Recht erhalten konnte, hatte einer der Mächter des öffentlichen Gewissens, der Prophet Jesaja, das Mort geprägt, es sei dahin gekommen, „daß man das Böse gut und das Gute böse nenne". Eine ähnliche Periphetie, eine Umkehrung aller ethischen Begriffe hatte Platz gegriffen, als durch den Antisemitismus der 80er Jahre, die Volksseele vergiftet und die Juden sogar aus dem Freimaurerorden Preußens, der eine Verkörperung der Humanität, Menschenliebe, Duldung und Geselligkeit darstellen soll, ausgeschlossen wurden. In der guten Zeit der Freimaurerlogen Preußens, als dort die Menschen noch groß genug waren, den Geist ihres Großmeisters Blunschli und Rönnefahrt zu ver-

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