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Liberales Judentum · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 78

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 K. Unikower: Mie kann dem religiösen Indrfferentismus norgekeugt werden ° l überhaupt nicht fragen. Aber weil es weiß, daß es mit hohen Plätzen und guten Zensuren belohnt wird, lernt es mit bewundernswerter Ueberwindung auswendig, bis es nicht mehr lernen muß, wenn es nämlich entlassen wird und die „Biblische Geschichte" — noch ziemlich gut erhalten — in den äußersten Winkel steckt, während es die „Odyssee" zum Buchbinder bringt, weil sie zerlesen ist und noch öfter von ihm gelesen werden soll. So geilt es ins Leben mit einem nur unseligen Angedenken an Religionsunterricht und alles, was damit zusammenhängt; ein Indifferenter mehr. Als das Rind danach verlangte, die Berichte der Bibel, deren Bedeutung als Religionsbuch ihm unbewußt stets vorschwebte, mit seiner Vernunft in Einklang zu bringen, als es seine ganze Seele wie einen Acker dem bebauenden Lehrer hinbreitete, da ließ der Ackersmann einen Teil unbeachtet und brach liegen: den Intellekt, den Verstand, der in gleichem Rlaße wie alle andern Seiten des des Seelenlebens gepflegt werden muß, wofern der zu bestellende Acker ein wahrer Gottesacker und die Seele dem Göttlichen geweiht werden soll. Doch unsere Religion braucht die Rritik der reinen Vernunft nicht zu scheuen. Der Lehrer, der nachhaltig auf die Jugend einwirken will, sodaß sie die Segnungen der Religion in allen Zeitverhältnissen und Lebenslagen genieße, muß ihr den ewig wertvollen Inhalt der heiligen Schriften in einer Form reichen, die dem denkenden Schüler zusagt. Dazu ist nötig, daß er nicht allein die Phantasie und das Gefühl berücksichtige, sondern daß er auch den verstand der Schüler zu seinem Rechte kommen lasse, wenn er die Erzählung mit all ihren Wunderberichten auf das Rind hat wirken lassen, muß er — freilich mit zartester Schonung — den Schleier der Phantasie und der Sage von dem Gesamtbilde abheben, um so Personen und Begebenheiten erstehen zu lassen, die mit dem unbefangenen klaren Auge des Verstandes betrachtet, und von denen schließlich die bleibenden werte für das religiös - sittliche Gefühl des Schülers abstrahiert werden können. Natürlich ist dazu nötig, daß der reifere Schüler über die Art, wie die Bibel erzählt, und über die vermutliche Entstehung der biblischen Schriften das Nötige erfahre, und daß er mit den kulturhistorischen womenten, die zum Verständnis gewisser Bibelstellen nötig sind, vertraut gemacht werde. So wird der unreife „Bibelkritiker" davor bewahrt werden, sich in ein paar unsinnigen Ausdrücken mit der Bibel „abzufinden". Er wird vielmehr die Bibel als das älteste und immer noch bedeutendste Dokument der Ethik und der Rtoral achte?! und schätzen lernen; er wird gewisse Zeremonien in ihrem Zusammenhänge mit der Geschichte und den Ideen des Judentums verstehen und achten lernen. Es liegt also in der bsand des Religionslehrers, durch einen vernunftgemäßen Unterricht dem stetig wachsenden Indifferentismus Einhalt zu tun. Schwerer aber noch als die Arbeit an der Jugend ist die an den Erwachsenen; an denen, die dem Judentum fast gänzlich entfremdet sind. Sie reden über das Judentum nur noch wie über etwas Rückständiges, urteilen darüber von oben herab, machen' sich womöglich über dies und jenes lustig. Und nun ist es der Liberalismus, der das Judentum zu schützen sucht . gegen Verunglimpfungen aus seinem eigenen Lager heraus. Er sucht jenen Ueberklugen zu zeigen, daß sie in dem Judentum eine Religion zu erblicken haben, die sich allen zeitlichen und räumlichen Verhältnissen anxassen kann, weil jihre sich ewig gleich bleibenden Gedanken an keine bestimmte unveränderliche Form gebunden sind; und mit Bezug auf die Bibel ruft er ihnen zu: „Rennt sie nur erst!"

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