Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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oo K. Unikorver: Mie kann dem religiösen Indifferentismus vorgrkengt werden 77 guten willen der Antragsteller, wirklich die Gesamtheit der Vereinigung durch ihre Vertreter über ihre Anträge beschließen zu lassen, und den guten willen der Delegierten, wirklich die Ansichten ihrer Ortsgruppen zu vertreten, gewährleistet werden. Aber auf einem solchen guten Willen beruht ja schließlich die ganze Arbeit einer freien Organisation Gleichgesinnter und an ihm wird es auch der Vereinigung nicht fehlen. Daneben ist es in mancher Einsicht zweckmäßig, wenn eine solche Organisation in möglichst weitem Umfange ihre Verfassung durch Autonomie festlegt. Me Kann äem religiösen Indifferentismus vorgebeugt unä wie ab geholfen werden? v-m h. un>K<,we»5»iruki-n. ei* Kampf des jüdischen Liberalismus ist — trotz des hartnäckigen Widerspruchs der Orthodoxen — ein Kampf für die Lrhaltung des Judentums. Als sicherstes Machtmittel in diesem Kampfe wird von liberaler Seite immer wieder das Studium der Thora, der Bibel empfohlen. Denn man ist hier der Ueberzeugung, daß alle diejenigen, die der jüdischen Religion gegenüber sich indifferent verhalten, die Bibel noch nicht kennen, welch harte Anklage, nicht gegen die Indifferenten etwa, sondern gegen ihre Religionslehrer! Und in der Tat. Zu den zahlreichen Begründungen, die Indifferente für ihr Verhalten in religiösen Dingen anführen, gehört nicht selten die, daß „der Religionsunterricht" (gemeint ist dessen Methode) „jedes Interesse für die Religion in ihnen erstickt habe." In diesen an sich gewiß übertriebenen Behauptungen liegt leider viel Zutreffendes. Denn gar viele der Indifferenten sind die Opfer einer unmodernen Religionsmethode. Ganz abgesehen davon, daß der orthodoxe Lehrer den Schüler mit Lernstoff überbürdet, erreicht er mit seiner Methode das Gegenteil des Zieles, das ihm gesteckt ist. wenn nämlich die 'Eltern orthodox sind und in dem Kinde jenes natürliche Bestreben ruht, alles das auch zu schätzen, was es von den Eltern geschätzt sieht, so hat der orthodoxe Lehrer leichtes Spiel. Denn wenn er eine an wunderberichten reiche Erzählung vorgetragen hat, so braucht er sich den Kopf nicht zu zerbrechen, wie er die Wunder dem Kinde wohl erklären könne. Er weiß nämlich genau, daß es ihn nicht danach fragen wird, entweder weil es von den Eltern daran gewöhnt ist, alles in der Bibel Erzählte, als tatsächlich, gläubig hinzunehmen, oder weil es öfter von den Eltern eine nicht befriedigende Antwort erhalten hat, und der Lehrer es doch nicht besser wissen wird, als die Eltern! — Mit einigen weisen Lehren im Anschluß an die-Erzählung soll dann die Sache getan sein. Das geht solange es geht. Das Kind hört aber seine Mitschüler, Kinder anders gesonnener Vorbilder, sprechen; es hört sie fragen: „wie war das möglich?" „woher weiß man das?" „Ist das wahr?" Diese Kinder fragen den Lehrer, wenn Kinder von selber fragen, so sind sie meist auch verständig genug, eine Erklärung zu erfassen, was sie aber als Antwort erhalten, ist nichts weniger als eine Erklärung. Und so kommt es, daß man zwölfjährige Mädchen auf dem Heimwege vom Religionsunterricht sprechen hören kann: „Glaubst du das? Ich nicht." Und das jst das Resultat des Religionsunterrichts! „Glauben" ist eben kein jüdisches Wort, in der Bibel wenigstens kommt es — trotz Luther — nicht, vor. Und ein reifes Kind will nicht glauben, es will verstehen. Läge es in seiner Natur zu „glauben", würde es