Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 71 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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O Q O 0 Ar. Srligmann : Ans nrne Frankfurter Geketknch 71 Das neue Gebetbuch ist jetzt seit lVs Iahr reu in der neuen Synagoge, das Gebetbuch für Neujahr und versöhnungstag schon seit 8 Jahren (zuerst im Filialgottesdienst) eingeführt. Ls hat achtmal an den hohen Festtagen, es hat zwei Jahre lang an den Sabbaten, lverktagen und den Hauptfesten die Feuerprobe bestanden und sich bewährt. Einigen Rommissionsmitgliedern erscheint der IV2 ständige Gottesdienst am Sabbat und an den Vormittagen der drei Hauptfeste noch etwas zu lang, und vielleicht könnte in der Tat am musikalischen Teil und auch an den Gebeten in kommenden Auflagen noch etwas gekürzt werden. Sonst ergab sich nicht ein einziger erwähnenswerter Mangel. Der Gottesdienst am Freitag Albend und den Vorabenden der Festtage dauert mit predigt eine Stunde; der Gottesdienst an Neujahr 2V2 Stunden. Am versöhnungstag wird um (0 Uhr vormittags begonnen, und die Liturgie reicht, selbst wenn der Abend noch so spät eintritt, vollkommen aus, ohne daß für die ausgewählten Stücke aus den religiösen Quellenschriften, welche als stille Andacht zwischen Nu88Lpli und Mincha gedacht sind, Zeit übrig bliebe. Meist müssen noch einzelne deutsche Stücke, aus der Bibel im Nachmittagsgebet und auch der Thorgesang (Hsalm 23) vor Abinu malkenu im Schlußgebet ausfallen. Die Synagoge ist während des ganzen Versöhnungstages, selbst zu Mincha, stark gefüllt; wohl die Hälfte der Betenden weilt den ganzen Tag im Gotteshaus. Hunderte von Männern und Frauen, die seit vielen Jahren dem Gottesdienst entfremdet waren oder nie einen jüdischen Gottesdienst besucht haben, sind regelmäßige Besucher unseres Gottesdienstes, nicht nur an den hohen Festtagen, sondern regelmäßig an jedem Sabbat und besonders am Freitag Abend geworden. vor allem ist es die Jugend, die mit wahrer Begeisterung zu dem Gottesdienste sich drängt. Die Andacht und innere Teilnahme prägen sich auf dem Antlitz der Betenden aus. Viele Fremde aus aller Herren Länder, ja selbst viele heute noch orthodox Gesinnte, die dem Gottesdienst beiwohnten, haben freimütig zugestanden, daß dieser Gottesdienst sie ergriffen und andächtig und weihevoll gestimmt habe, wie keiner je zuvor. Und warum dürfte ich es hier nicht öffentlich aussprechen, was mir viele schriftlich und mündlich gesagt haben, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben in diesem Gottesdienst erfahren haben, was Beten ist. Alle pessimistischen Befürchtungen und Prophezeiungen haben sich — dem Allgütigen sei Dank — nicht erfüllt. Der neue Kultus hat sich die Herzen und Geister gewonnen. Ls hat sich gezeigt, daß auch in dem Israel der Gegenwart, bei den so viel verleumdeten „Liberalen", „Indifferenten" und „Assimilanten" ein starker religiöser Sinn vorhanden ist, und daß nur der rechte Ton angestimmt werden muß, um ein Lcho wachzurufen. In dem schon oben erwähnten Aufsatz des Herrn Iuftizrat Dr. Lrnst Auerbach (Allg. Zeit. d. Iud. 00^ pag. 558) heißt es von dein erste n Gottesdienst an den hoher! Festtagen: „Der für jedermann verständliche, ästhetisch ansprechende Gottesdienst verlief in der würdigsten lveise und machte auf die Teilnehmer einen tief ergreifenden, erhebenden Lindruck. Der versuch 'ist nach jeder Richtung hin vorzüglich gelungen. Gar manche haben diesem Festgottesdienst beigewohnt und sind mit innerer Befriedigung ihm gefolgt, die seit vielen Jahren kein Gotteshaus mehr besucht und sich von jeder religiösen Betätigung als Juden fern gehalten haben; sie dem Judentum zurückgewonnen oder sie an demselben festgehalten zu haben, ist das Verdienst dieser Einrichtung ... die Frankfurter Gemeinde kann mit Stolz und Genugtuung auf diesen versuch zurückblicken, denn er zeitigte einen wirklichen und durchschlagenden. Lrfolg. In seiner Einfachheit und würde hat dieser stimmungsvolle Gottesdienst mehr für die Erhaltung des Judentums getan, als seit vielen Jahren in anderer weise versucht worden ist. . . Möchte der glänzende Erfolg bewirken, daß dieses treffliche Beispiel auch anderwärts Nachahmung findet." Ein nlir unbekannter Frankfurter Korrespondent der Bloch'schen Gesterreichischen Wochenschrift vom % November 00^ berichtet : „An den vergangenen hohen Festtagen hat die hiesige Hauptgemeinde einen interessanten und wohlgelungenen gottesdienstlichen versuch unternommen, der allerwärts, vornehmlich in den großen Städten, Nachahmung verdient. Dem dringenden Wunsche einer größeren Anzahl freigesinnter