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Liberales Judentum · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 70 (sequence 22)
Language
German
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70 Ar. Seligrnann: Das neue Frankfurter Gebetbuch Nachempfindung und freie Wiedergabe des Originals anzusehen. Auch inhaltlich finden sich in den Uebertragungen an manchen Stellen starke Abweichungen vom Original. Nicht nur alle Wendungen und Bilder, sondern alle Gedanken, die einer uns fremd gewordenen religiösen Vorstellungswelt angehören, wurden durch entsprechende Bilder und Gedanken aus unserer religiösen Vorstellungswelt ersetzt. Als charakteristisches Beispiel vergleiche mcm die Uebertragung der zwei ersten Abschnitte des Schema (Gebetbuch pag. 7 ff) sowie die Paraphrase der Wochentag - Schemone esre (Gebetbuch pag. 336 ff). b) Bei der Schöpfung neuer Gebete schwebte mir als Ideal vor: die aus den neuen Schicksalen und Zuständen erwachsenden religiösen Momente und Probleme, die neuen Stimmungen und Empfindungen, Sorgen und Hoffnungen, die in dem alten Gebetbuch und Machsor keinen Ausdruck gefunden hatten, in die Liturgie einzuführen, und ihnen das Heimatrecht in der Synagoge zu gewinnen. Ich versuchte diesen Gebeten alle religiöse Innigkeit und feierliche Stimmung, allen Schwung und künstlerischen Ausdruck zu geben, deren ich fähig war, um durch sie neue religiöse Begeisterung zu entzünden und die Herzen der Entfremdeten für die heilige Väterreligion zu erwärmen. Daß ich mein Bestes gegeben, darf ich ohne falsche Bescheidenheit hier eingestehen.H Wie weit ich hinter meinem eigenen Ideal zurückgeblieben, weiß ich selbst am besten. Das einzige nicht originale deutsche Gebet ist das klassische Freitagabendgebet von M. Joel-Breslau. 4) Die wenigen bisher erschienenen Besprech^- ungen, die sich nur auf das zunächst als Manuskript gedruckte ältere Gebetbuch für Neujahr und Bersöhnungstag beziehen, sind durchweg außerordentlich anerkennend. . So äußert sich Justizrat Dr. Ernst Auerbach in dem erwähnten Artikel der Allgemeinen Zeitung des Judentums: „Die deutschen Uebersetzungen sind in geschmackvoller, anziehender Sprache gehalten: die betrachtenden und erläuternden Einfügungen sind Musterstücke ernst erhabenen, poetischen und weihevollen Stils usw." (1904 p. 538). — Max Kirschstein bemerkt in einen: Artikel „Ein neues Gebetbuch" (Lib. Jud. 1909 p. 273), in welchem unabhängig von den Frankfurter Bestrebungen ein ähnliches Gebetbuch, wie es in dem von nrir bearbeiteten vorliegt, als Desideratum gefordert und nur kurz am Schluß auf das ihtn erst nach- Niederschrift des Artikels o) Bei der Uebertragung der poetischen Stücke schwankte ich vielfach, ob ich die gebundene oder ungebundene Form, die Anwendung von Rythmus und Reim oder die Beschränkung auf gehobenen Stil vorziehen solle. Bei den meisten Stücken habe ich beide Arten von Uebertragungen versucht und derjenigen den Vorzug gegeben, die mir im gegebenen Falle die angemessenste erschien. Schwere gedankliche Stücke wie Psalm tyO und pj’atm \0^ vertragen die Einschnürung in den panzer des Reims und des Rythmus nicht; leichtere Stücke mögen durch gefällige metrische Form'gewinnen. Ich folgte hier — offen gesagt — weniger bestimmten Prinzipien und Regeln, als nieinem poetischen Gefühl und Formenipfinden. IV. Bewährung in der praxis. Auf Grund der von der Rommission genehmigten Thesen und der in der Rommission neu gefaßten Beschlüsse wurde ich beauftragt, einen bis ins Einzelne gehenden Entwurf des Gebetbuches") auszuarbeiten.6) bekannt gewordenen hiesige Gebetbnch hingewiesen wird: „eine ähnliche poetische Behandlung der deutschen Gebete, wie sie Seligmann gelungen, ist mir bisher nicht begegnet." ") Zunächst für Neujahr und Bersöhnungstag. Aus diesen, erste» Plan ging das im Jahre 1904 erschienene, als Manuskript gedruckte „Gebetbuch für Neujahr und Bersöhnungstag" hervor. Dieses wurde in einen: Wialgottesdienst bis zur Einweihung der neuen Synagoge (1910) benutzt. In )er Zwischenzeit wurde das neue Gtzbetbuch bearbeitet, das jetzt in zwei schönen handlichen Bänden (der zweite in neuer Auflage) vorliegt unter den: Titel: Israelitisches G e b e t - b uch. In: Auftrag der Ber w alt n n g der israelitischen Geme i n d e in Fran k f::r t an: Main bearbeitet von Rabbiner Dr. C. S e l i g n: a n::. (E rster Teil: Sabbat, F e st t a g e und Werktag. — Zweiter T e i l: N c u j a h r s f e st und B e r s ö h n n n g s t a g). F r a n k f u r t a. M. 1910. S e l b st v e r l a g der -israelitischen Gemeinde in Frankfurt a n: M a i n. D ruck von M. Lehrberger u. Co., Rödelhein:. — Nachträglich ist der Alleinvertrieb der Buchhandlung I. Kauffmann hier übertragen worden, bei welcher das Werk (zun: Preise von 6 Jk für beide gebundene Bände) käuflich zu erhalten ist. 6) Dieser eingehende Entwurf ist in der ausführlicheren „D e n k s ch r i f t", von welche dieser Artikel ein Auszug ist/ abgedruckt.

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