Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126500-3126504--1089-3127890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 Ar. Seligmann: Aas neue Frankfurter Grketkuch der Ljwnburger Tempel-Gebetbücher von (868 und (876, auf die Rüge Geiger' s hin und auch nach dem Vorgang des Breslauer Gebetbuches von Geiger, n i ch t die wichtigeren Gebete deutsch, sondern nun auch die unwichtigeren resp. später entstandenen, in hebräischer Sprache aufnahmen, und es den einzelnen überließen, die stillen Gebete deutsch oder hebräisch zu beten, während 'das laut vom Vorbeter vorgetragene Gemeindegebet fast durchgängig hebräisch gebetet wurde. von den übrigen Neu - Einrichtungen des Hamburger Tempels sind die der protestantischen Kirche entlehnten Thoräle von allen deutschen Gemeinden, sogar von der Reformgemeinde in Berlin als unjüdisch abgelehnt worden, hingegen haben sich die ergreifenden Thorgesänge, von gemischten Thören vorgetragen, die Heranziehung der Gemeinde zu Responsorien, ferner die originalen deutschen Gebete, die von modernem Empfinden getragen und nur etwas zu lang sind, vor allem aber die einzig schöne Totenfeier am versöhnungstag vortrefflich bewährt und haben fast überall Nachahmung gefunden. Was die spezielle Frage der Verteilung von hebräisch und Deutsch betrifft, so unternahm einen zweiten, diesmal theoretischen Lösungsversuch auf breiter wissenschaftlicher Grundlage die auf der Braunschweiger Rabbinerversammlung gewählte Gebetbuch- Kommission, in deren Namen Kirchenrat 2T! a i e r auf der Frankfurter Rabbinerversammlung eingehenden Bericht erstattete. Die Kommission fand die Beibehaltung der hebräischen Sprache insoweit für ratsam, daß Bore hu mit seinem Responso, Parse ha s Schema, die drei ersten und die drei letzten Benediktionen der Thephila und K’riath Hathora in derselben stattfinden müsse; alle übrigen Bestandteile der Liturgie müßten dagegen eine Bearbeitung in deutscher Sprache erfahren. Tatsächlich ist eine so weitgehende Verdrängung des hebräischen irr keiner deutschen Gemeinde versucht worden. Die Theorie scheiterte überall an praktischen Verhältnissen. Weder Kirchenrat Rkaier in seiner autoritativen Stellung in einer so freisinnigen Gemeinde wie Stuttgart, noch irgend ein anderes Kommissionsmitglied oder sonst ein anderer Rabbiner oder ein Gemeindevorftand wagte - die empfohlene Liturgie in irgend einer Synagoge einzuführen. Geiger gab der allgemeinen Stimmung Ausdruck, wenn er auf der Rabbinerversammlung sagt: „Der Kommissionsbericht gibt uns bloß einen guten Rat. . . Für diesen guten, wie ich gerne bekenne, sehr wohl erwogenen Rat bin ich der verehrlichen Kommission sehr dankbar; jedoch muß die Anwendung desselben von der Individualität der einzelnen Gemeinden abhängen." In die Zeit der Frankfurter Rabbinerversammlung fällt die Entstehung der Berliner Reformgenreinde. Unter dem unverkennbaren Einfluß der kirchlich-liberalen Bewegung des Jahres (8H5, die zur Bildung einer deutsch-katholischen Kirche führte, wollte man damals von Berlin aus zur Begründung einer „jüdischen Kirche" schreiten, wie es in einer Erklärung des Dr. Stern, des Stimmführers jener Bewegung, wörtlich heißt. Man versandte Aufrufe nach ganz Deutschland, und eine große Synode sollte diese jüdisch-deutsche Kirche in's Leben rufen. „Wir wollen uns," so heißt es im Aufruf, „zunächst der Zustimmung unserer deutschen Glaubensgenossen versichern und mit diesen gemeinsam eine Synode berufen, um diejenige Gestaltung des Judentums festzustellen, die dem Leben unserer Zeit und der Empfindung unseres Herzens entspricht." Wirklich hatten sechs Monate nach Veröffentlichung dieses Aufrufes 5( größere und kleinere Gemeinden 'ihren Anschluß erklärt. Als aber die Berliner Reformgemeinde, gestützt auf die 300 bis $00 Familien, die ihre Beteiligung vorher zugesagt hatten, vor dem Zusammentritt dieser geplanten Synode, auf eigene Faust mit der Einrichtung eines deutschen Gottesdienstes vorging, der fast alles Tharakteristische des jüdisch-historischen Gottesdienstes von sich abwarf, empfand ganz Deutschland dieses Vorgehen als Schisma, keine einzige Gemeinde in Deutschland schloß sich an und die so überaus freisinnige Rabbinerversammlung in Frankfurt antwortete der Berliner Deputation in sehr kühler Weise und sprach es in der offiziellen (von Geiger redigierten) Antwort unverblümt aus, daß sie nur dann als Gesamtheit und Einzelne die Reformgemeinde unterstützen könnte, wenn dieselbe