Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Seligwann: Das neue Frankfurter Gebetbuch 61 halt getan werden. Es muß endlich etwas geschehen. Und der Anfang muß beim Gottesdienst gemacht werden. Und wenn Sie Recht hätten, wenn der neue Gottesdienst nicht die Kraft hätte, die fugend und die Entfremdeten anzuziehen und festzuhalten und mit neuem jüdischem Empfinden zu durchdringen, so haben wir doch unsere Schuldigkeit getan. Mir haben Niemandem etwas genommen und versucht, Vielen etwas zu geben. In ma§ni8 st volnisss sät sst. Nur das „Inisssr kairs laisssr aller" ist Sünde, das „nichts tun". Aber ich glaube mit ganzer Seele an den Erfolg. VOo es nur richtig ungefaßt wird, muß es gelingen und trägt dann eine unermeßliche 'Zukunftssaat in sich. Mas in Gottes Namen zur Erhaltung der Religion unternommen wird, muß Sarnen tragen. Das ist mein religiöser Glaube, den mir rrichts und niemand rauben kann. Und mm Ihre Hand darauf, daß Sie sich an unsere Spitze stellen und uns helfen, zu vollbringen, wozu wir Sie berufen haben. Ich: Hier haben Sie meine Hand. Es ist Ihnen nicht allzuschwer geworden, mich zu überzeugen, weil ich im Grunde meiner Seele mit Ihnen übereinstimme. Wenn ich dennoch in unserer Unterredung den Standpunkt der Gegner so eifrig vertrat, so habe ich aus meinem Verantwortlichkeitsgefühl heraus, um des Ernstes der Sache willen, in mir die Verpflichtung gefühlt — wie ich Ihnen ja gleich im Anfang unserer Unterredung gesagt habe — Ihnen alles das entgegenzuhalten, was von irgend einem Gesichtspunkt aus gegen die umfassende Reform des Kultus spricht. In diesem Sinne waren alle meine Linwände gemeint. Ich bin überzeugt, Sie haben mich auch so, wie ich es meinte, verstanden. Und Sie sollen sich ln mir nicht getäuscht haben. An meiner Rkithilfe soll es nicht fehlen. Ich hege mit Ihnen den frohen Zukunftsglauben, der sich durch alle Bleigewichte der Trägheits-Argumente nicht erschüttern, durch alle pessimistische Schwarzseherei nicht abschrecken läßt, wo es ein Gutes und Großes gilt, mitzuschaffen von ganzem Herzen und von ganzer Seele. * -r- Kurze Zeit nach dieser Unterredung erhielt ich unter dem Datum des \2. Ulärz $03 folgendes Handschreiben von pfotfe: verehrter Herr Rabbiner! Zu meinem großen Bedauern kann ich Sie vor meiner Abreise nicht mehr aufsuchen, — ich muß ehe ich nach Haus fahre, auch noch anderwärts reisen. Gestatten Sie mir daher meine unmaßgeblichen Ideen über die Ordnung des Gottesdienstes am Rvsod Haschono Ihnen schriftlich mitzuteilen. Der Geist des bewährten Alten in moderner, schöner, edler Form. Nicht viele Gebete, sondern eindringliche! Das Schönste, was wir an Gebeten haben, die Psalmen, sind in unseren Synagogen spurlos verhallt, weil sie in einer Form erscheinen, die niemanden, selbst nicht den Kenner des Textes befriedigen kann. Keiner kann den Gedanken der Psalmen folgen! Dasselbe gilt von der Vorlesung aus der Tora. — Unsere Bibel sollte mehr in den Gottes-- dienst rücken und in den Synagogen gelehrt werden. Ich bitte Sie herzlichst, sich der neuen Sache, des frischen Aufschwungsanzunehmen, auf die Zukunft zu vertrauen und sie mit uns durch frohe Mitarbeit und kräftige Führung zu gewinnen. Mit freundlichen Grüßen Ihr ergebenster I. plotke. Schon vor Empfang dieses Briefes hatte am 8. Rkärz $03 die erste Kommissionssitzung stattgefunden, in welcher ich zum Referenten über die Vorschläge des Komitees bestellt wurde. Ich erstattete ein schriftliches Referat, das allen folgenden Beratungen zur Grundlage diente und das im Großen und Ganzen die Grundzüge enthält, nach welchen der neue Gottesdienst eingerichtet und das neue Gebetbuch bearbeitet worden ist. Ich lasse darum das Referat — abgesehen von einigen unwichtigen Weglassungen — im Wortlaut folgen.