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Liberales Judentum · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 Ar. Krligmann: Aas neue Frankfurter Gebetbuch I ch: Ja, wenn wir die Gewißheit hätten, daß hinter uns eine opferfreudige Gefolgschaft steht. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Der liberale Rabbiner, den die Gegner mit Vorliebe des Opportunismus beschuldigen, hat in Wirklichkeit außer seiner Ueberzeugung' nichts und Niemanden für sich. — Die Intellektuellen, für die die Reform bestimmt ist, lassen ihre Rabbiner im Stich; sie bilden keine geschlossene Phalanx wie die Orthodoxen, sie haben nicht die Kraft oder nicht die Neigung zur religiösen Organisation. Darum ist es klug heutzutage, wie es wohl zu allen Zeiten klug war, als Theologe orthodox zu fein. Sehen 'Sie doch nur hier in Frankfurt: wie haben sich 'die Frankfurter und andere orthodoxen Gemeinden um ihren Samson Raphael Hirsch geschart, wie Rabbiner Horovitz gefeiert und verehrt! wenn er in die Loge kommt, stehen fast alle auf; das macht nicht nur feine Persönlichkeit, sondern, was die Alten genannt haben Lenoä horav, die Verehrung vor dem Amt. Nun sehen Sie sich als Gegenstück die großen liberalen Rabbiner von Frankfurt an: Dem insbesondere auf dem Gebiete des Kultus genial schöpferischen Leopold Stein, hat sein eigener Vorstand ein Martyrium bereitet und ihn aus seinem Amt gedrängt. Abraham Geiger fand, wie sein Sohn berichtet, in Frankfurt nicht das, was er hier erwartet hatte; selbst bei seinen Anhängern bemerkte er „meist wohlmeinende Zurückhaltung und eine nur 'schwäch verhüllte Lauheit". Brüll soll, wie man sich erzählt, an gebrochenem Kerzen über die Zurücksetzung, die er erfuhr, gestorben sein. Vestigia terrent. wo in aller Welt hat ein liberaler Rabbiner eine begeisterte Gemeinde, die zu ihm gestanden wäre in Treue und ihn getragen hätte? Undank und Gleichgiltigkeit von innen, Haß und Angriffe von außen— das ist das Los der liberalen Rabbiner, auch wenn sie noch so Großes für ihre Genreinden und für das Gefamtfudentum geleistet und sich für ihre Idee geopfert hätten, wen möchte da die Lust airwandeln, sich für weitgehende Reformen im Judentum einzusetzen? plotke: Ueber Undank haben alle in der Öffentlichkeit wirkenden Männer, die sich für ideale Bestrebungen einsetzten, zu klagen gehabt. Alle Führer züm Fortschritt müssen den Kampf aufnehmen. Gewiß ist es bequemer, sich von der Masse tragen zu lassen, und wem's behagt, der mag es tun. Ich aber meine, und Sie mit mir, daß wir nicht auf der Welt sind, um es bequem zu haben. Wir sind da, um eine Aufgabe zu erfüllen, für die wir uns bestimmt fühlen. Und glauben Sie es mir, überzeugte, begeisterte Persönlichkeiten haben noch immer, auch in den sogenannten schlimmsten Zeiten Erfolg gehabt, wenn 'sich der Erfolg auch nicht wägen und messen läßt. Aber freilich, starke Persönlichkeiten müssen die Rabbiner sein, die es verstehen, die Menschen mit sich fortzureißen und geistig zu beeinflußen. Es genügt nicht, als Rabbiner ein stiller Stubengelehrter zu sein und das Judentum als bloße Wissenschaft anzusehen. Altertunisforscher und Philologen haben noch nie die Welt bewegt, und wenn sie noch so gelehrt waren. Die Rabbiner müssen mehr in das Leben hinein, aus der Gelehrtenstube, sie müssen sich wieder an die Spitze des jüdischen Lebens stellen und dürfen nicht ihr Leben damit zubringen, über die bösen Zeiten und die schlechten Juden zu räsonnieren. Damit wird nichts besser gemacht. Fühlen Sie nicht die sittliche 'Pflicht, wenn Ihre Gemeinde, oder auch nur ein Teil Ihrer Gemeinde zu Ihnen kommt und spricht: Gib uns einen Gottesdienst, der unseren wahren Bedürfnissen entspricht, diesem Verlangen nachzukommen und den Versuch zu machen, ihnen zu helfen? Ist hier nicht jedes Versagen, jedes Zurückweichen Feigheit? wenn die Jugend nach Brot schreit, wollen Sie ihr sagen: Es sind ja Steine genug da? Und wenn es lauter Edelsteine wären, die Menschen würden nicht satt davon. Es gibt eine Sünde nicht nur gegen das Judentum, wie Sie vorhin meinten, sondern auch eine Sünde gegen die Juden. Und die letztere ist die größere; denn der Lebende hat Recht. Die heutige Iudenheit läßt sich nicht mit theologischen Theorien absxeisen, sondern will eine Möglichkeit sehen, moderner Mensch und Jude zugleich zu sein. Diese Möglichkeit muß geschaffen werden. Das ist die Aufgabe des liberalen Judentums. So wie es heute ist, darf es nicht weiter gehen; der religiösen Auflösung, die immer weiter um sich greift, muß Ein-

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