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Liberales Judentum · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 59

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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o o o o 59 Ar. Krligrnann: Aas neue Frankfurter Gebetbuch nicht den unerläßlichen Forderungen der Wirklichkeit entgegensetzen. Sie dürfen sich der religiösen Sehnsucht Ihrer Gemeinde gegenüber nicht auf einen hierarchischen Standpunkt stellen. Mit solchen allgemeinen Argumenten, die einer Theorie zuliebe sich vor der Wirklichkeit verschließen, kann man schließlich jedes Bameh madlikin und Laxxorss-Schlagen verteidigen. In Ihren Seininarien und Stüdierstuben machen Sie sich ein Judentum zurecht, das nur in der orthodoxen Theorie, aber nicht in Wirklichkeit, nicht in Ihren Gemeinden existiert. Das Leben fragt nicht nach Theorien und akademischen Lehren, das Leben geht über Sie zur Tagesordnung über, wenn Sie sich nicht auf den Boden des Lebens stellen. Lasseii Sie es nur ruhig so weiter gehen wie bisher, puppen Sie sich in Ihre unantastbare Theorie vom Judentum ein, zuletzt werden die Herren Rabbiner allein mit ihrem Judentum übrig bleiben und allen Anschluß, alle innere Beziehung zu ihren Gemeinden und damit allen Einfluß auf ihre Gemeindemitglieder verloren haben. I ch: Sollen also die Rabbiner dazu da sein, um auf das der Religion abgewendete Leben ihrer Gemeindemitglieder ihr Koscher- Siegel zu drücken? Und wenn die Gemeindemitglieder in ihrem „Leben" sich so weit vom positiv-historischen Judentum entfernt haben, daß sie keinen Jomkippur mehr halten oder daß sie ihren Sabbat auf den Sonntag, ihr Pesach auf die christlichen Ostern, ihr Schewuos auf Pfingsten, ihr Roschhaschono auf den ersten Januar verlegt haben wollen — und wer sagt uns, daß dieses nicht gefordert werden wird — sollen die Rabbinen zu allem Ja und Amen sagen? Wollen denn die Rabbiner etwas für sich oder für das Judentum? Müssen sich die Rabbiner, ihrer ganzen Stellung nach, nicht als Hüter des historischen Gutes betrachten? Haben sie nicht eine Verantwortung vor der Geschichte? Wäre ihre Kapitulation vor dem „Leben" nicht eine capitis deminutio des positiv historischen Judentums? Rein, ohne jDositivismus keine positive Religion. s)lotke: Sie verlieren unseren Ausgangspunkt aus den Augen. Wo ist denn von alledem die Rede gewesen, was Sie wieder mit allgemeinen Theorien so heftig bekämpfen? Will der Jude, will die Gemeinde nichts positives, die einen gottesdienstlichen Kultus verlangen? Sie malen Zukunfts-Schreckgespenster mit Ihrer „Verlegung des Roschhaschono auf Silvester", ja selbst des Sabbats auf den Sonntag. Wir wollen uns wahrlich nicht von der Geschichte lossagen; auch mit unserem verlangen nach einem neuen Kultus wollen wir das nicht. Das ist immer die Art eines unredlichen Gegners — diese Bemerkung bezieht sich selbstverständlich nicht auf unsere Unterhaltung — dem Gegner Absichten, Ziele und Motive unterzuschieben, die derselbe weit von sich weist. Mit solchen Mitteln bekämpft uns die fanatische Orthodoxie von jeher, galten Sie mich, bitte nicht für einen Radikalen. Ich wurzele mit meinem ganzen Gemüt in der Geschichte. Ich gelte bei meinen Freunden als konservativer Jude und ich fühle mich auch als solchen. Ich will das Judentum als historische Religion erhalten wissen. Aber so wie es bisher gegangen ist, wird das Judentum nicht erhalten werden. Die Orthodoxie hat auf die Juden des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ihre Anziehungskraft verloren. Die Kinder wandeln nicht mehr in den Wegen der Väter. Die intellektuellen Kreise haben sich — mit verschwindenden Ausnahmen — von dem alljüdischen Leben entfernt und entfernen sich mit jeder Generation weiter von demselben. Wir stehen mitten in einer neuen Taufperiode, und unsere Zeit hat eine der schmählichsten Abarten derselben, die frivole Kindertaufe gezeitigt. In solcher Zeit erwarten wir von den Rabbinen, die ein Herz für ihr Judentum haben, daß sie nicht tatenlos zuschauen und über den verfall jammern oder schimpfen, sondern daß sie, wo eine religiöse Sehnsucht nach ihnen ruft, dieser Sehnsucht entgegenkommen; ja wir erwarten, daß die Rabbiner neue religiöse Bedürfnisse schaffen. Das rascheste und sicherste Mittel, dem Reste der treugebliebenen gebildeten Juden das Judentum zu verleiden, ist die rabbinische Behauptung, daß das Judentum ewig so bleiben müsse, wie es im letzten Jahrtausend sich entwickelt hat, daß es ohne Schulchan aruch kein Judentum gebe. Stellen Sie sich doch mit Ihrer Begeisterung tapfer an die Spitze einer neuen Bewegung, um den morschen Totengebeinen durch Berührung mit dem Geist der Zeit neues Leben einzuhauchen.

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