Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Ar. Srligrnaun: Aas neue Frankfurter Geketkuch Rinder nicht dazu, gerne zum Gottesdienst zu gehen; und was ich an meinen Rindern erlebe, erleben mit mir und um mich Hunderte. Das ist ein Zustand, der nicht so weiter bestehen darf. Ich: Glauben Sie wirklich, daß organisatorische Aenderungen, Einführung von deutschen Gebeten u. dgl. den eigentlichen Sitz des Nebels treffen? Die orthodoxen Synagogen sind voll, trotz des orthodoxen Rultus, die reformierten sind leer; was folgt daraus? Daß es den liberalen Juden an religiösem Leben, an der Rraft zu religiösen Leistungen gebricht. Unsere liberalen, oder sagen wir lieber indifferenten, Juden kommen nicht in den Gottesdienst, und wenn wir noch so viel reformieren, wissen Sie, was der alte Leopold Zunz eimnal gesagt hat: „Nicht das Judentum müssen wir reformieren, uns müssen wir reformieren." Ich bin mir bewußt, wahrhaft liberal zu sein; aber das darf mich nicht blind machen gegen die schwachen Seiten des religiösen Liberalismus im Judentum; und so fühle ich mich verpflichtet, Ihnen all das entgegenzuhalten, was gegen die neue Reform des Rultus spricht. plotfe: Ihr Ginwand von den bestehenden liberalen Synagogen ist nicht stichhaltig. Die bisherige Reform war nur eine ästhetische und theoretische Reform. Ich meine damit, man hat einerseits Ordnung und Anstand, Orgel und Thorgesang in die Synagoge gebracht und hat andererseits die Gebete um Wiederherstellung der Opfer, um Zurückführung nach Zion und einige unzeitgemäße Gebete weggelassen oder verändert. Hat man aber den Gottesdienst von innen heraus verbessert? Während der mehr als halbstündigen Thoravorlesung schwatzen die Frauen und die Männer; von all den herrlichen sozialen und ethischen Vorschriften, von all den packenden Geschichten der Genesis mit ihrer großen dichterischen Rraft, verstehen die Meisten nichts; die einzig-schönen Psalmen werden hergeleiert ohne Verständnis, oder zu einer oft recht langweiligen Musikaufführung verwandelt. Der Gottesdienst selbst ist zu lang, man hat heute nicht mehr so viel Zeit und so viel geduldige Empfänglichkeit, wie die Juden im Ghetto. Für diese war das Gotteshaus der geistige Sammelpunkt, es war ihr Literaturverein und ihre Loge, ihr Debattierklub und ihre Schule. Damals haben auch alle oder fast alle genügend hebräisch verstanden, um dem Gottesdienst mit Andacht folgen zu können. Heute lernt unsere Jugend, die die staatlichen Schulen besucht, nicht mehr so viel hebräisch; sie kann und sie will nicht so viel lernen; es sei denn, daß wir uns entschließen, lauter jüdische Schulen, jüdische Realschulen und Gymnasien, jüdische Mädchenschulen 3, 1a Samson Raphael Hirsch zu gründen. Das wird aber nicht geschehen, weil wir nicht in das Ghetto zurückwollen. So werden also unsere Rinder so viel oder so wenig hebräisch lernen wie bisher. Und darum müssen wir einen vorwiegend deutschen Gottesdienst einrichten, die Tora verdeutschen, die Psalmen in schöner deutscher Bearbeitung zum Mittelpunkt des Gottesdienstes machen; alle Wiederholungen müssen wir streichen, länger als eine Stunde soll der Gottesdienst in heutiger Zeit nicht dauern. Ich' Ist ein solcher Reformgottesdienst noch ein jüdischer Gottesdienst zu nennen? würden, da nicht alle charakteristischen historischen Momente des Judentums verwischt? Das Judentum kann doch nicht jede beliebige Form annehmen, kann sich doch nicht nach jeder Linzelmeinung und jeden: Linzelb edürfnis richten. Für sich mag jeder beten, wie er will; unsere Frauen hatten ja früher auch ihre deutsche Techinna. Aber der Rultus als solcher muß die Züge der Geschichte und das Antlitz der Gesamtheit tragen. Rultus ist ein Band, das uns mit allen vorängegangenen Generationen verknüpft und so die geschichtliche Rontinuität wiederspiegelt; und Rultus ist zugleich ein gemeinsames Band, das uns mit unserem Glaubensgenossen aller Länder und Sprachen verbindet. Trennung im Rultus ist Trennung von der geschichtlichen Gesamtheit, wenn unsere Rinder nicht genügend hebräisch kennen, müssen sie eben mehr lernen, wir können doch nicht die Unwissenheit zum Ausgangspunkt von Reformen machen. Die Juden müssen sich nach dem Judentum, das Judentum aber nicht nach den Juden richten. plotke: Lieber Herr Rabbiner, das ist doch nicht Ihre eigene Meinung? Sie dürfen Ihren rabbinischen non p088unin8-Standpunkt