Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Seligmann: Das neue Frankfurter Gebetbuch 57 H. Zunächst für d i e hohen Feiertage, und zwar den ersten Neujahrstag, sowie den versöhnungstag einen besonderen Gottesdienst im Westen der Stadt ein - z u r i ch t e n. Bezüglich dieses Sondergottesdienstes sind wir der Ansicht, daß er nur dann die von uns gewünschte Wirkung auf Litern und Rinder auszuüben und damit zur Erhaltung des Interesses am Judentum beizutragen im Stande sein wird, wenn gewisse unerläßliche Bedingungen in Bezug auf seine Gestaltung erfüllt werden. Wir möchten daher die nachstehenden Prinzipien als unserer Auffassung nach unter allen Umständen zu beachtende aufstellen: a) Der Gottesdienst müßte (so weit als möglich und jedenfalls zum weitaus größten Teile) in deutscher Sprache abgehalten werden, b) Der Funktion des Rabbiners müßte ein breiterer Spielraum gewährt werden, e) Der gesangliche Teil des Gottesdienstes wäre einer besonderen pflege zu unterziehen, ä) Der Gottesdienst müßte eine ganz erhebliche Verkürzung erfahren, e) Am Versöhnungstage niüßte eine ni ehr ständige Pause eintreten. Mit Rücksicht darauf, daß die Vorbereitung für die Einrichtung eines derartigen Gottesdienstes jedenfalls längere Zeit in Anspruch nehmen wird, gestatten wir uns, die Bitte auszusprechen, die Beschlußfassung in dieser Angelegenheit zu beschleunigen. wir wollen zugleich nicht verfehlen, die Erklärung abzugeben, daß wir unsererseits gerne bereit sind, nicht nur weitere Aufklärung über die Intentionen unserer Auftraggeber abzugeben, sondern auch bei den vorbereitenden Beratungen in der vom Vorstand beliebten Weise mitzuarbeiten, und geben daher, falls dies dem Vorstand genehm erscheint, ergebenst anheim, Mitglieder aus unserem Gremium zu diesen Beratungen hinzuzuziehen. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir zugleich auch noch einer anderen Anregung Ausdruck geben, die in unserem Rreise laut geworden ist. Es ist nämlich die Ansicht ausgesprochen worden, daß eine merkliche Förderung des Interesses am Judentum in den, die Synagoge zur Zeit nicht besuchenden Kreisen der hiesigen Gemeinde-Mitglieder dadurch herbeigeführt werden könnte, daß wirksame und anerkannt tüchtige predigten durch den Druck in den Kreisen der Gemeinde verbreitet würden. Wir müssen uns der Richtigkeit dieser Auffassung anschließen und möchten daher die Anregung dem verehrlichen Vorstände zur gefl. Erwägung unterbreiten. hochachtungsvoll! Dr. Adler, Dr. Ernst Auerbach, Dr. h. Baerwald, Dr. Blau, I.-R. Dr. Berth. Geiger, M. Oppenheim, I. Platte, W. Th. Stern. " Dieses Schreiben bildete den Gegenstand eingehender Beratung des Gemeindevorstandes. In der Zwischenzeit hatte ich mit Rechtsanwalt plotke, der mich zu diesem Zwecke besuchte, eine eingehende, inhaltsreiche Unterredung über die Gebetbuchfrage. In derselben wurden in lebhafter Auseinandersetzung die hauptsächlichsten prinzipiellen Probleme und Streitfragen des' Kultus und des ganzen liberalen Judentums erörtert. Es ist darum von allgemeinem Interesse, wenn ich die Hauptpunkte dieser für mich schicksalsvollen Unterredung hier wiederzugeben versuche. So mögen plotkes und meine Ausführungen, die natürlich nach so langer Zeit keinen Anspruch auf genaue Wiedergabe machen, in der ursprünglichen Form des belebten Dialogs hier ihre Wiedergabe finden. p l o t k e: Warum glauben Sie wohl, daß wir Sie nach Frankfurt berufen haben? Nicht darum vor allem, weil wir einen guten Prediger wollten, sondern weil wir von Ihnen die Erneuerung des ganzen jüdischen Lebens hier erwarten; anfangen aber müssen wir bei einem neuen zeitgemäßen Kultus, den Sie uns schaffen sollen. Unser Gebetbuch ist für uns veraltet, unser Kultus in der Hauptsynagoge hat nicht die Kraft, die Gebildeten feftzuhalten und unsere Frauen und Kinder anzuziehen. Ich selbst bringe meine