Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Uordrn: Nie Wahrhaftigkeit im Gebet 55 nach den vorstehenden Grundsätzen geeignetes Material aus der Fülle der Synagogenmusik- Literatur herauszufinden. Etwaige Lücken aber (insbesondere in den Gemeindegesängen) werden, wenn ein abgeschlossenes Gebetbuch vorliegt, unschwer auszufüllen sein. Die Wahrhaftigkeit im Gebet. Von Rabbiner Dr. Florden-CIberfeld. nser Gottesdienst ist reformbedürftig an allen Ecken und Enden. In den meisten Gemeinden dauert er viel zu lang, um die Besucher des Gotteshauses in andächtiger Stimmung erhalten zu können. Die Vorlesungen aus Thora und Propheten sind, was ihren Inhalt betrifft, teilweise durchaus nicht geeignet, Erhebung und Andacht zu erwecken. Dazu kommt, daß der überwiegend größte Teil der Liturgie in einer Sprache abgehalten wird, die nun einmal der großen Mehrheit der Gotteshaus-Besucher mehr oder weniger unbekannt ist. Daher sind die Bestrebungen, den Gottesdienst zu kürzen, unter den Thora- und Prophetenabschnitten eine Auslese zu halten, sowie der Landessprache einen breiten Raum im jüdischen Gotteshause zu gewähren, gewiß mit Freude zu begrüßen. Allein, so wichtig und notwendig auch alle diese Reformen sein mögen, die wichtigste und notwendigste von allen ist die Säuberung des Gebetbuchs von allen Wünschen, die nicht mehr in unsernher zenleben,undvonallen Anschauungen, die wir überwundenhaben. Lin Gottesdienst, der zu lange Zeit in Anspruch nimmt, der ungeeignete Vorlesungen enthält, oder der in einer den Betern nicht genügend mundgerechten Sprache abgehalten wird, muß schädigend auf die Andacht wirken: Lin Gottesdienst, in welchem wir um Dinge beten, die wir gar nicht wünschen, und Anschauungenaussprechen,denen wir nicht huldigen, ist Lug und Trug. Alle Gebetbuch- und Gottesdienstreformen werden so lange Stückwerk bleiben, als wir uns nicht entschließen können, die unsern Wünschen und unsern Anschauungen widersprechenden Gebetstellen mit fester Hand aus dem Gebetbuch auszumerzen. Mag ein Gebet noch so alt und ehrwürdig sein, mag es unsere Vorfahren noch so sehr erhoben und getröstet haben, mag es uns darum auch noch so schwer fallen, uns von ihm zu trennen: höher als die j)ietät steht die Wahrhaftigkeit. Gegenüber der Forderung strenger Wahrhaftigkeit müssen alle andere Wünsche und Forderungen in Bezug auf unsere Gebete in den Hintergrund treten. Aus Gründen der Wahrhaftigkeit muß, bei der etwaigen Ausarbeitung eines Gebetbuchs für liberale Gemeinden, auch unbedingt mit der Gepflogenheit gebrochen werden, überwundene Anschauungen im hebräischen Texte heizubehalten und sie in der deutschen Uebertragung durch Umschreibungenausder weltzuschaffen, wie das in den bekanntesten Reformgebetbüchern vielfach geschieht. Ein solches Verfahren pflegt man wohl eine „fromme Lüge" zu nennen. In wirklichkeit gibt es keine fromme Lüge; wer fromm ist, der lügt nicht, und wer lügt, der ist eben nicht fromm. Rönnen wir uns von bestimmten hebräischen Bibelzitaten und Gebetstücken nicht trennen, dann sollen wir uns auch nicht scheuen, dem des hebräischen Unkundigen den Inhalt des hebräischen Gebets in der Uebersetzung ehrlich nntzuteilen. Rönnen wir es aber nicht mit unserm Gewissen vereinbaren, die veralteten Anschauungen und Wünsche dem heutigen Beter in der Landessprache zuzumuten, so müssen diese Anschauungen und Wünsche unter allen Umständen auch aus den hebräischen Gebeten verschwinden, „wir wollen wahrhaft sein," sagte der verewigte Vogelstein im Vorwort zu seinem Gebetbuch, „in allem, waswir reden, und ganz hesonders, wenn wir uns betend andenGottder Wahrheitwenden."