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Liberales Judentum · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 52

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 Ar. KarrmrL: Air drutsche Sprache in unserem Gottesdienste Oie deutsche öpracke in unserem öottesdientte. Von Rabbiner l)r. äamuel-Cllen. Gb die deutsche Sprache ein Recht habe in unserm Gotteshause, diese Frage erledigt sich von selbst, da die Rabbinen, so unzart sie angeblich waren, es als eine Unkeuschheit betrachtet hätten, dem Beter vorzuschreiben, in welcher Sprache er Gott nahen solle, Es gibt drei Arten des Gottesdienstes, und grade die höchste verhält sich indifferent gegen die Sprache. Gder, welcher Sprache bedient sich die awodo scheb’lew — der „Gottesdienst des Herzens"? Doch wohl keiner, solange das Gefühl übermächtig ist. Ist es aber zur Ruhe gekommen, hat sich die Empfindung geklärt, welche Sprache formt die Begriffe, und woher stammt der lautliche Ausdruck? Doch wohl aus der Mutter- und nicht aus irgend einer Kunstsprache, von diesem Gottesdienste des Herzens sind freilich zu unterscheiden der des Einzelnen und der Familie; und derjenige der Gemeinde. was den Einzelnen und die Familie betrifft, so werden sie das Recht der Individualisierung in Anspruch nehmen können, hier kann keine allgemeine Regel erteilt werden, hier wird sich eine Norm herausbilden, sobald das Interesse geweckt und die Diskussion in bestimmten Bahnen gelenkt ist. Man sollte meinen, die jüdische Familie habe sich 'stillschweigend für das deutsche, häusliche Gebet entschieden, weit gefehlt. Entweder, man dispensiert die Rinder überhaupt vorn Beten, wenn man sie den allerersten Morgen- und Abendverschen entwachsen glaubt, oder man gewöhnt sie an das 'hersagen hebräischer 'Gebete. Ernstere Eltern übergeben ihren Rindern auch die hier und dort gedruckten, deutschen Gebete (sie sind sofort ehrwürdig, wenn die Elternhände sie spenden); oder sie verfassen selbst Gebete, nach der Eigenart ihrer Rinder. Mir begegneten selbstverfaßte Tischgebete, ja ganze deutsche Sederliturgien, wo ich sie kaum vermutet hätte. Ich halte ein tägliches, gemeinsames, deutsches Tischgebet für besonders erzieherisch und behalte dem Freitagabend, dem Sabbat und den Festen die hebräische Tischliturgie (mit deutschen Einlagen) vor. von hohem wert könnte eine Sammlung deutscher Gebete für die jüdische Familie sein, am besten als Anhang zum hebräischen Schulgebetbuch. Eine Rundfrage würde schöne Stücke zur allgemeinen Kenntnis bringen. Ich 'wende mich endlich zum öffentlichen Kultus. hier betet der Einzelne als Glied der Glaubensgemeinde, der Vorbeter als deren Mandatar. Daher erkläre ich mich in diesem Betracht dafür, daß die Grundlinien der liturgischen Struktur und daher als vorherrschende Sprache das hebräische der älteren Synagoge beibehalten werde. Alles dasjenige, was in einer hundertjährigen Diskussion als Ballast erkannt worden ist, muß dagegen weichen, uird an dessen Stelle sollen überall tiefinnige, schlichte deutsche'Gebete echtjüdischen Gehaltes treten. Unangebracht für die Synagoge erscheint mir also ein vorherrschend deutscher Gottesdienst mit einigen eingesprengten, hebräischen Phrasen. Für diese Ansicht sind aber, wie schon bemerkt, keine religionsgesetzlichen Erwägungen für mich maßgebend, sondern die geschichtliche Kontinuität, die uns Juden besonders wichtig sein muß, da wir die Begriffe von Geschichte und Menschheit zuerst erfaßt haben; und die reichen Gefühlswerte, die mit der hebräischen Sprache verknüpft sind. Diese fangen bei dem bestreitbaren Glauben an, als müsse das hebräische als Sprache der größten Menschheitspropheten für das Göttliche das geeignetste Gefäß sein, aber sie reichen bis zu der Wahrheit hinauf, daß die hebräischen Gebete eine große Zahl von Begriffen dem, jüdischen Seelenleben einverleiben, die eine zutreffende Verdeutschung niemals finden können. Auf diesen Kernworten und -begriffen beruht aber alles, was im Bereiche unserer Gottesauffassung und -Verehrung, unserer Sittenlehre und unseres Gemütlebens charakteristisch und unersetzlich ist. wir nennen e.twa toro, mizwo, keduscho, awodo, scholom, achdus, reüs, teschuwo, selicho, chesed, eben, emes, zedoko, tohor, tome, malchus schomajim, jemos hammoschiach. Dazu kommen Gebete, an denen selber große, geschichtliche Erinnerungen haften: Sch’ma,-iw5ohawto,

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