Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o Ar. Freudenthal: „Mir wollen statt der Farrrn unsere Lippen weihen!" 51 Man muß nur in seinem MoreNebuchim Nachlesen (III, 32), mit welcher Schärfe er den heidnischen Ursprung des ganzen Oxferkultus betont, wie er ihn als eine Anpassung an damalige Zustände betrachtet, nur als ein zeitweiliges Mittel zum Zweck bezeichnet, wie er in der Zentralisierung desselben an einem Grte nur den Versuch einer möglichst wirksamen Einschränkung dieser heidnischen Art des Gottesdienstes erblickt und Gott ausrufen läßt: „Nur deswegen habe ich diese Gebräuche auf meinen Namen übertragen, damit der Götzendienst vertilgt und der Glaube an die Einheit Gottes befestigt werde. Ihr aber kommt und vereitelt diesen Zweck und haltet fest an dem bloßen Mittel." Warum also tatsächlich immer noch am Mittel festhalten, da doch der Zweck erreicht, der Götzendienst geschwunden, der. Glaube an die Einheit Gottes befestigt ist? Entfernen wir doch endlich aus unserem Kultus diesen letzten Rest der heidnischen Welt, Anschauungen, die sowohl als historische Rückblicke, wie als messianische Ausblicke gleich wertlos und bedeutungslos sind. Schon sind aus den Gebetbüchern der liberalen Genreinden die Opferst e l l en gestrichen. Noch immer aber werden die Opfer Zeiten als Einteilungsprinzipien für die gottesdienstliche Liturgie festgehalten, und gerade sie verschulden einen großen Teil der ständigen Klagen über die allzugroße Länge des Gottesdienstes und die andachtertötende Wiederholung derselben Gebete. Das Morgen- und Zusatzgebet (Schacharis und Mussaf) und ebenso das Nachmittag- und Abendgebet (Minchah und Maariw) werden zwar meist unmittelbar nacheinarider, aber imnrer noch in sich selbst getrennt gebetet; so wird der Gottesdienst in sich zerrissen und um seine Einheitlichkeit gebracht, und so kehren in kürzestem Zwischenraum hintereinander dieselben Gebete wieder, verlängern ohne Not die Andacht und stumpfen durch Wiederholung und Zeitdauer die innere Anteilnahme ab. Dies gilt leider insbesondere von unserem schönen Fauptgebete, dem sogenannten „Schemoneh Lsreh" (richtiger „Tefillah" zu nennen), das naturgemäß ins M o r g e n g e b e t gehört, im Mussaf nur der Gpfereinschaltungen wegen nochmals rezitiert wurde, im Minchah und Maariw aber zum dritten- und viertenmale wiederkehrt. Dabei gilt vom traditionellen Standpunkt der Gpferbeziehungen aus das Maariw noch nicht einmal als eine auf einem j)flichtgebot beruhende Gebetszeit, da ein Abendopfer im Tempel nicht dargebracht wurde, und auch über die Verpflichtung zur Abhaltung der Mussaftefilla gehen die Meinungen im Talmud auseinander. Ueberhaupt haben schon große Talmudlehrer hierüber ihre eigene Anschauung in vernünftiger weise bekundet. „Denn obwohl die Männer der großen Versammlung das Achtzehngebet einführten (was übrigens bestritten wird), so traute man doch dem täglich Betenden zu wenig Andacht und Aufmerksamkeit zu, als daß er täglich f8 Benediktionen mit voller Seelenstimmung und Geistessammlung sollte beten können, daher Rabbi Iosua meinte, man solle das Schemoneh Esreh nur im Auszuge beten, d. h. nach Rab von jeder Benediktion etwas oder nach Samuel ein kurzes Gebet" (Duschak, Geschichte des jüdischen Kultus, S. 2O). Und doch ist dort in der Mischna offenbar nur von einem Achtzehngebet am Tage die Rede, wie nun gar die Seelenstimmung und Geistessammlung bei täglich vieren! Ebenso verhält es sich mit anderen Wiederholungen, von denen als typisch nur die ständigen Kaddisch gebete angeführt seien. Hier müßten eingreifende Aenderungen einsetzen, um eine weihevolle und einheitliche Gebetordnung für einen Gottesdienst am Morgen und am Abend zu schaffen. Für den letzteren würden damit von selber auch die wechselnden Zeiten in Wegfall kommen, an denen jetzt noch immer, gleichfalls in Rücksicht auf die einstigen Opferstunden, festgehalten wird. Die Einzelheiten auf Grund wissenschaftlicher Feststellungen zu bestimmen, muß die gemeinsame Sache der liberalen Rabbiner sein. Uns lag nur daran zu zeigen, daß das Judentum im Einblick auf seine Vergangenheit wie auf seine Zukunft es sich selber schuldig ist, auch in der Gegenwart schon das Wort des Propheten zu voller Verwirklichung zu bringen: „wir wollen statt der Farren unsere Lippen weihen!"