Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Ar. Frendenthal: „Mir wollen statt der Farren unsere Lippen weihen!" Einzig und allein im traditionellen Gebete Israels haben sich die Spuren der geistig längst überwundenen Gpferanschauung noch erhalteil. Das ist aus historischen Gründen begreiflich. Das Gebet, im Opfertempel selber fast gar nicht gepflegt, war schon in alten Zeiten neben dem Opferkultus einhergegangen; denn eine Religion ist wohl ohne Gpfer, nicht aber ohne Gebet denkbar, am allerwenigsten die Religion des jüdischen Volkes, das nicht aus bloßem Zufall das Volk des Gebetes geworden ist und die größten Meister und Dichter des Gebetes hervorgebracht hat. Diejenigen, welche die Opfer weihten, werden wohl um deren gnädige Annahme und um Erfüllung ihrer Bitten gebetet haben, und seitdem der Opferkultus in Jerusalem zentralisiert war, mag sich der Gebrauch eines Gebetes zur Zeit der Gpferdarbringung, ja sogar nach der Richtung des Opferortes hin herausgebildet haben, ganz gewiß zu den Stunden, da Opfer dortselbst für die Gesamtheit Israels dargebracht wurden. Als der Tempel dauernd fiel und das Gebet an die Stelle des bisherigen Kultus trat, behielt man natürlich die Zeiten bei, in denen im Heiligtum die Opfer dargebracht worden waren. Man stellte damit gleichsam einen Zusammenhang zwischen den Opfern und den Gebeten her, den der Talmud sogar legendär bis zu den 'Erzvätern hinaufführte, und ging noch weiter, indem man im 'Gebete selber auch jedesmal der ehemaligen Opfer gedachte. An solches Gedenken knüpfte sich, je trauriger die Zeiten für die Juden wurden, desto inniger und häufiger die Bitte um Herbeiführung der messianischen Tage und damit um Wiederaufrichtung der ehemaligen Herrlichkeit an. In diesen Bitten standen aber die nationalen Interessen stärker im Vordergrund als die religiösen: im eigenen Lande unter eigenem Herrscher in Frieden und Glaubensfreiheit leben zu können, erschien naturgemäß als das höchste Ziel alles Sehnens und Betens, und die Bitte um Wiederherstellung des Zentralheiligtums, um Wiedereinsetzung der Priester und Leviten in ihre Aemter war nur ein historisch-religiös gefärbter Einschlag derartiger nationaler Hoffnungen und Erwartungen. Gebietet nun etwa aus religiösen Erwägungen die Rücksicht auf die Vergangenheit und auf die Zukunft Israels, die Verbindung aller jener Gpferkultbeziehungen mit unseren Gebeten festzuhalten? Gewiß kann keine Religionsgemeinschaft sich von historischen Zusammenhängen lossagen, und ebensowenig kann sie auf spezifische Zukunftsideale verzichten. Aber geschichtliche Erinnerungen können nur dann für sie von wert fein, wenn dadurch religiös und sittlich weihende Eindrücke erzeugt werden, und messianische Ideale gar können nicht rein und erhaben genug gestaltet werden. Das Judentum besitzt in beiden Hinsichten treffliche Beispiele. Die Erinnerungen, welche unsere Festtage in uns auslösen, sind wahrhaft weihevolle, und eine reinere und erhabenere messianische Idee als die des Gottesreiches auf Erden kann wohl überhaupt nicht geprägt werden, welche religiös weihende oder sittlich fördernde Kraft aber sollte das Gedenken an den Gpferkultus besitzen? Malen wir uns nur das Bild dieses Kultus nach seiner realistischen Wirklichkeit aus! In einem dein höchsten unsichtbaren Wesen geweihten Andachtsraume blökende und brüllende todesängstige Tiere, zum Todesstoß erhobene blitzende Messer, blutbegossene Geräte und Menschen, schwelende Hölzer, dampfende Fleischteile, brandige Gerüche, betäubende Dünste, so daß es am heiligsten Feiertage als eine besondere Gottesgnade erschien, wenn keinen der Andächtigen oder der Priester ein körperliches Ungemach befiel — kann ein solches Bild aus der Vorzeit einer Religion wirklich der ständigen Erneuerung in der Gegenwart wert sein oder gar das heißerflehte Zukunftsideal für sie bedeuten? Die Gedankenlosigkeit, mit der so viele die alten traditionellen Gebeten dieser Art noch immer sprechen, die deren Verwirklichung gar nicht wünschen und ersehnen, hat schon Juda Halevi in seinem Kusari aufs schärfste gegeißelt (II, 2fy: „Wenn wir sagen: „werfet euch nieder vor dem Berge seines Heiligtums", „werfet euch nieder vor dem Schemel seiner Füße", „der seinen Abglanz nach Zion zurückführt" und anderes, so ist das nichts als das Plappern des Stares, denn wir vergegenwärtigen uns nicht, was wir damit und mit anderem sagen wollen." Und wie mag nun gar ein Maimonides über solches „Starplaxpern" gedacht haben!