Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 41 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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41 Issrph Aufseesser: Fiderales und soziales Judentum „Ica" bat in Argentinien, in Tanada und Palästina große 2lckerbau-Kolonien errichtet, welche seiner Zeit der Baron von Hirsch mit außerordentlich reichen Geldmitteln unterstützt bat. Da jährlich ca. J30 000 Juden aus Rußland, Rumänien und Galizien auswandern, und da die Auswanderer meist unkundig über die Verhältnisse, vielfach ohne genügende Geldmittel und ohne Reisepässe ausgestattet sind, so hat die „Ica" in zahlreichen Grenzstädten, sowie in den russischen Großstädten Komitees eingesetzt, welche den Hilfslosen Auswanderern mit Rat und Tat beistehen, damit diese nicht gewissenlosen Agenten in die Hände fallen. Menn wir uns die gewaltigen Leistungen dieser großen jüdischen Hilfsorganisationen betrachten und uns vergegenwärtigen, welcher große Aufwand an Zeit, an Geld und an Intelligenz hierbei verbraucht wird, wenn wir auf der anderen Seite sehen, wieviel Menschenleben und menschliche Gesundheit fortwährend durch die furchtbaren Strapazen der Auswanderung zerstört und zerrüttet werden, Kräfte, die anderweitig nutzbringend verwertet werden können, so müssen wir uns unwillkürlich die Frage vorlegen: „Muß dies fein?" Müssen erst Munden geschlagen und Schäden angerichtet werden, um sie dann mit dem Aufwand von Millionen wieder zu feilen?" Und dies alles in europäischen Ländern, wo man so gern das Mort von unserer hochentwickelten Kultur im Munde führt, wo ein inniger Konnex der Nationen besteht und wo eine internationale Sozialpolitik, wie die Genfer und die Berner Konventionen, existiert. Könnte hier, so fragen wir uns, nicht die (Quelle des Nebels verstopft oder unschädlich gemacht, könnte dieser scheinbar ewige Krieg nicht beendet werden? Die Fragen müssen wir leider verneinend beantworten, die Hauptquelle alles Nebels heißt Rußland. Dort wütet der blinde Haß gegen die Iudenheit und wird noch lange weiter geschürt werden. Mit Blut und Tränen ist der Meg von der russischen Steppe zu uns gezeichnet, keinen Moment sind die Juden dort vor einem Pogrome sicher, keine Obrigkeit gewährt den Hilfs- und Mehrlosen Schutz gegen den russischen f)öbel. Mit teuflischer Schikane werden die armen Menschen von Haus und Hof vertrieben, mit allen Mitteln wird von den Behörden auf die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz hingearbeitet. Die Hoffnung, daß mit der Schaffung einer russischen Volksvertretung die Zustände besser würden, hat sich als trügerisch erwiesen. Und doch erhellt ein Lichtstrahl dieses düstere Nachtbild. Je größer die Not, je stärker das Unglück der vertriebenen, desto mehr tritt die jüdische Zusammengehörigkeit und die Mildtätigkeit in die Erscheinung. Aus blutiger Saat entsprießt die Munderblume der Barmherzigkeit. Unsere Feinde sagen uns nach, daß die Macht des Judentums eine internationale sei. Das ist leider nicht so, aber die Mohltätigkeit und die Barmherzigkeit sind international. Jeder einzelne von uns, der an einem Bahnhofe, oder in eineni Auswandererhafen Gelegenheit hatte, die russischen Auswanderer zu sehen, diese müden und abgehetzten Menschen, mit blassen und verhärmten Gesichtern, mit einer Schar von Kindern und den wenig Habseligkeiten, der hat wohl an das Goethe'sche Mort sich erinnert: „Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an." Mas können wir aber von hier aus für die armen, unglücklichen Glaubensbrüder in Rußland zur Linderung leisten? Mir können nur unser Scherflein an die Adresse geben, von welcher wir wissen, daß sie am besten in der Lage ist, den Bedauernswerten zu helfen, an den „Hilfsverein deutscher Juden" und an die „Alliance". Ich glaube angesichts dieser furchtbaren Notlage gibt es kein Zaudern, gibt es kein Neinsagen, wenn der „Hilfsverein" oder die