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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 38

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 38 (sequence 14)
Language
German
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38 Joseph Aufsresser: Liberales und soziales Judentum o o o o fttft ist nicht allein stets voll besetzt, sondern kann die Nachfrage nach Plätzen nicht voll befriedigen, ein Beweis, daß in der Großstadt ein starkes Bedürfnis besteht, anständigen jüdischen jungen Mädchen von auswärts, welche sich hier einem Berufe oder einem Studium widmen, in einer gesitteten und geordneten Häuslichkeit für wenig Geld Unterkunft zu gewähren. Auch für die pflege der jüdischen Wissenschaften und für Belehrung des Publikums durch seine Vorträge und Bücher sorgen der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur", sowie der „Bibliothek- und Leseverein". Außer den genannten Lokalvereinen, von welchen ich nur die wichtigsten erwähnt habe, besteht in Bayern „Der Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden", welcher die Fürsorge und Unterstützung der Kultus- und Unterrichtseinrichtungen der kleineren Gemeinden Bayerns, sowie deren Funktionäre in die Hand nimmt. — — Im Reiche bestehen eine Anzahl sehrbedeutsamer und in hervorragendem Geiste geleiteter machtvoller Organisationen, welche größtenteils ihren Sitz in Berlin haben. Der entralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sorgt für die Abwehr der Eingriffe und Gehässigkeiten, welche gegen die Juden erfolgen und vertritt seinen Standpunkt mit zielbewußter Energie. Aus der vom Zentralverein herausgegebenen Monatsschrift im „Deutschen Reich" dürfte Ihnen bekannt sein, daß sich derselbe in letzter Zeit intensiv mit der Frage der Zurücksetzung der Juden im Heere, sowie mit der Stellungnahme zu den kommenden Reichstagswahlen befaßt hat. Die hervorragendste politische Gesamtorganisation der deutschen Iudenheit ist der im Jahre $03: von bedeutenden Männern ins Leben gerufene „verband deutscher Juden", welcher die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte unserer Glaubensgenossen gegenüber den Regierungen und Parlamenten vertritt, während eine weitere große und wichtige Organisation der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" auf dem Gebiete der gemeindlichen verwaltungs- und wohlfahrtsangelegenkheiten seine Betätigung findet. Die Aufgabe und Tätigkeit des „Gemeindebundes", dieses Mittelpunktes aller jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen, ist eine große und vielseitige. Er sorgt für die zahlreichen kleinen Gemeinden, welche bekanntlich an Zahl und Leistungsfähigkeit immer schwächer werden, damit dieselben in Bezug auf Kultuseinrichtungen und religiösen Unterricht nicht ganz verkümmern. Er hat eine Fürsorgeerziehungsanstalt für Knaben in Repzin und eine solche für Mädchen in jAötzensee errichtet, woselbst verwahrloste Kinder Aufnahme, Erziehung und Förderung für den Lebensberuf finden. Der Gemeindebund hat ferner die Arbeiterkolonie Zveißensee gegründet, woselbst eine Menge von Armen, von Berufslosen und von solchen, deren Heimat bisher die Landstraße war, an die Führung eines geordneten, sittlichen Lebens gewöhnt und zur Tätigkeit erzogen werden. Hunderte von Glaubensgenossen haben in dieser Anstalt nicht allein den Segen der Arbeit erkannt, sie haben einen Beruf erlernt und sind dadurch in der Lage, den Kampf des Daseins zu bestehen, statt bettelnd ihr Brot zu finden. Weiterhin unterhält der Gemeindebund eine Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz und ein Kuratorium für jüdische Strafgefangene. Das größte und bleibendste Verdienst hat sich jedoch der „Gemeindebund" dadurch erworben, daß es ihm gelungen ist, nach jahrelangem Bemühen in Gemeinschaft mit der „Alliance", dem „Hilfsverein deutscher Iuden" und der Großloge „Bne-Brith" eine deutsche „Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge" ins Leben zu rufen.

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