Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126500-3126503--1060-3127860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o o 37 Joseph Kufseessrr: Fibrralrs und soziales Judentum ganz entfremdet waren, haben sich in diese Tätigkeit mit Lust und Liebe, ja sogar mit Begeisterung eingearbeitet, sie Haben Interesse an den jüdischen Bestrebungen gewonnen und leisten dem Judentum wertvolle Dienste. Besonders aber die jüdischen 'Frauen haben sich in den letzten Jahren mit großer Wärme, mit Lust und Liebe der Humanitären Bestrebungen im Judentum angenommen, und es ist erfreüliÄ), daß gerade bei vielen Frauen aus religiös links stehenden Kreisen sich ein starkes Pflichtgefühl geltend macht, der notleidenden Menschheit zu helfen und beizustehen. Nürnberg war von jeher ein guter Boden für die Wohltätigkeit; wo es galt zu helfen, war die Nürnberger Gemeinde mit vollen fänden am Werk. Bei den großen Hilfsaktionen, welche nach den Austreibungen der Juden aus Rumänien und nach den furchtbaren progromen in Rußland, auch hier ins Werk gesetzt wurden, war Nürnberg mit an der Spitze der deutschen Großgemeinden. Bei freudigen und bei traurigen Anlässen werden hier große Beträge den Wohltätigkeitsvereinen gespendet, ebenso wie auch im Süllen an verschämte Arme sehr viel geleistet wird. Die Stiftungen, welche die hiesige Gemeinde zu verwalten hat, betragen nahezu \ Million, gewiß ein Beweis, daß es an edler Gesinnung hier nicht fehlt. Auch die Vereinstätigkeit ist hier in inusterhafter Weise organisiert. — Der „Hilfsverein", der „Frauenverein" und der „Wohltätigkeitsverein", sie bilden sozusagen das Rückgrat der hiesigen jüdischen Armenpflege. Der Hilfsverein und der Frauenverein erfüllen die Fürsorge jur die Armen, der Wohltätigkeitsverein übernimmt es, neben der Fürsorge und Unterstützung der Kranken, bei Sterbefällen den Toten die letzten Liebesdienste zu erweisen, wie es die Satzungen unserer Religion und altehrwürdige Bräuche vorschreiben. Der Wohltätigkeitsverein übernimmt auch die Erledigung der Formalitäten, sowie die hauptsächlichsten Kosten des Begräbnisses und schafft dadurch seinen Mitgliedern Vorteile und Erleichterungen, wie es andere Konfessionen nicht zu bieten in der Lage sind. Ls wird hier sehr angenehm empfunden, daß man vom Hausbettel verhältnismäßig wenig in Einspruch genommen wird und daß die'bekannten Typen polnischer und russischer Bettler in hiesiger Stadt wenig zu bemerken sind. Dies kommt daher, weil Nürnberg, Fürth, Bayreuth, Erlangen und noch verschiedene kleinere Drte, im ganzen Gemeinden sich zu einem „Zentralverein zur Unterstützung durchreisender Israeliten" vereinigt haben mit denr Sitze in Fürth, woselbst auch die Abfertigung der durchreisenden Wanderer stattfindet. Der Nürnberger Hilfsverein allein steuert Zwölftausend Mark zu dieser Zentralkasse bei. Man hat also schon vor vielen Jahren in Bayern mit gutem Erfolg den Versuch gemacht, die Wohltätigkeit zu zentralisieren und dadurch den Strom der Wanderbettler einzudämmen, ein Verfahren, das in den letzten Jahren durch den „deutsch -israeliüschen Gemeindebund" in großzügiger Weise für ganz Deutschland in Verbindung mit dem Auslande in die Wege geleitet wurde. Außer den eben genannten drei Vereinen haben wir hier in Nürnberg noch verschiedene sehr ersprießlich wirkende Fürsorge-Einrichtungen. 'Ich nenne nur den segensreich wirkenden „verein für Waisenunterstützung", den „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen" und den „Verein israelitisches Mädchenstift". Das Mädchenstift verdankt seine Gründung einer hochherzigen Stiftung des bekannten Wohltäters Max Heim und seiner Gattin Elise, welche für diesen Zweck einen Grundstock von \20 000 Mark spendeten. Das Mädchen-