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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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36 Joseph Srrfsrrssrr: Liberales and soziales Judentum s o o o sie tiefe Weisheit atmen, sondern weil sie uns liberalen Juden, welche sich im Geiste des sozialen Judentums betätigen wollen, eine Leuchte und einen Geleitstern für unser Tun und handeln gewähren. Und erst die Art, Form und Zeit des Gebens, welche Fülle von Reinheit und Feinheit des Empfindens wird uns da aus den alten Schriften überliefert. „Die Gabe," so heißt es, „soll zur rechten Zeit, mit frohem Herzen und freundlichem Auge, voll Mitleid und Erbarmen gewährt werden, es soll kein Unterschied gemacht werden, ob der Empfänger Jude, oder Nicht- Jude, ob Fremdling oder Feind ist." „Als die beste und höchste Art der Wohltätigkeit," so sagt der große Lehrer Mose Maimonides, „gilt diejenige, welche den Armen in die Lage versetzt, daß er späterhin die Wohltätigkeit nicht mehr in Anspruch zu nehmen braucht," und bekundete hierdurch damals schon, daß 'Aufhelfen wertvoller sei, als Geschenke geben. Der Arme erhielt in früherer Zeit nicht nur Nahrung und Gabe, er wurde wie ein Gast des Hauses und, sofern er ein jüdischer Gelehrter war, sogar mit hoher Auszeichnung und Wertschätzung behandelt. Bei solchem Entgegenkommen war es nicht zu verwundern, daß viele Leute dieses Leben der Arbeit vorzogen. Es entwickelte sich daher ein Massenproletariat jüdischer Wanderbettler, welches die Landstraßen bevölkerte und die Gemeinden überflutete. Dazu kam noch, daß die Segnungen der Freiheit und Menschenrechte des vorigen Jahrhunderts, nur die Juden der westeuropäischen Reiche auf ein höheres Niveau brachte, während die Juden des 'Ostens nach wie vor in engen Gassen zusammengepreßt, von den Segnungen moderner Kultur und von dem Hauche einer neuen sozialen Zeit beinahe gänzlich unberührt blieben. Die Juden des Ostens führten Weiler in großer Zahl das Leben auf der Wanderstraße, als arme Schnorrer von Ort zu Ort ziehend. Die milden Gaben, die ihnen als Ausfluß des jüdischen Herzens gereicht wurden, waren nur ein jDflästerchen, waren nur Flickarbeit, aber keine Heilung der sozialen Schäden. Erst eine neue Heit brachte eine gründliche Wandlung in der Hilfs- und Fürsorgetätigkeit. 3m sozialen wie im liberalen Judentum — es liegt hier. eine parallele ungemein nahe — hat man in den letzten Jahren erkannt, daß neue Zeiten auch neue Formen der sozialen Betätigung erheischen. Die Wohltätigkeit der Neuzeit ist nicht geringer, aber sie ist besser und zielbewußter geworden, sie hat das planlose (Seben des Einzelnen, welcher lediglich dem Zuge des Herzens folgte, in Organisationen und Zentralstellen übergeleitet. Die Träger der sozialen Hilfstätigkeit sind heute die Vereine, welche sich wieder zu großen Organisationen zusammengeschlossen haben. Not und Elend treten in so vielgestaltiger weise im menschlichen Leben auf, daß die Vereinstätigkeit in vielerlei Formen ihr segensreiches Wirkungsfeld findet. In der Hütte der Armen, am Krankenbette, an der Bahre des Toten, bei Witwen und Waisen, bei der Entlassung von Strafgefangenen, überall greifen die Vereine helfend und fördernd ein. Sie schaffen Arbeitsgelegenheit und Arbeitsnachweis, sie sorgen für Schulung und Erziehung der Jugend, für die Beschäftigung derselben im Handwerk, im Garten- und im Ackerbau. Sie sorgen für die armen Glaubensgenossen, welche von Haus und Hof vertrieben sind, damit diese ein friedlich schützendes Dach finden, wo sie ihrem Erwerbe nachgehen können. Kurz überall erblicken wir eine emsige und rührige Tätigkeit, von idealen Gesichtspunkten getragen und von praktischen Grundsätzen geleitet. Hunderte von Herren und Damen sind in der jüdischen Armen- und Wohlfahrtspflege ehrenamtlich tätig. Juden, die dem zeremoniellen Judentum oft

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