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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 32

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 O O Iudäus: Judentum und Fortschritt Eigenheit" und „knechtischen Treue" seitens Anderer — wo bleibt denn da die Konsequenz? Was wir von Anderen als Recht für uns verlangen, die uneingeschränkte Toleranz, die volle Denk- und Glaubensfreiheit, das müssen wir vor allem auch in unserer eigenen Mitte als billig gelten lassen. Es ist eine fatale Disharmonie, ein verhängnisvoller Widerspruch, wenn eine Gemeinschaft bei sich nicht das übt und befolgt, was sie als Forderung nach außen stellt. Müssen wir Juden den allgemeinen politischen und kulturellen Fortschritt herbeiwünschen, so dürfen wir ihm auch im Judentum selbst nicht den Weg versperren. Die freiheitliche Entwicklung des Menschengeschlechts ist erfahrungsgemäß von weittragendster .Bedeutung für unsere politische und rechtliche Stellung im staatlichen Leben. Nicht in dem Sinne, daß. wir uns auf den zivilisatorischen Fortschritt allein verlassen könnten und sollten und auf die pflege und Entfaltung unserer eignen Kräfte, unseres Selbstbewußtseins Verzicht zu leisten hätten. Eine solche Forderung wäre ebenso verderblich für uns, wie unethisch vom Standpunkte der allgemeinen Sittlichkeit aus. Jede Selbstentäußerung bedeutet eine Minderung der allgemeinen Menschenkräfte. Die volle und freie Entfaltung der jeder Gemeinschaft innewohnenden individuellen Triebkräfte macht gerade den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der menschlichen Kultur aus. Wir fördern somit diese Kultur, indem wir die großen Geistesschätze des Judentums pflegen und seinen sittlichen Gehalt weiter entwickeln; indem wir die in der jüdischen Gemeinschaft vorhandenen schöpferischen Kräfte fortpflanzen und in steter Steigerung wirken lassen. Eine solche unbehinderte Kraftentwicklung wird aber erst durch die allgemeine Freiheitsentwicklung ermöglicht. Und deshalb ist der allgemeine menschliche Fortschritt von tiefeingreifender Wichtigkeit für die freie uneingeschränkte Existenz des Judentums. Mit Recht gilt und galt zu allen Zeiten das Verhalten eines Landes zu den Juden als Gradmesser für sein sittliches Niveau und den Stand seiner Kulturentwicklung. Im Hintergrund des großen jüdischen Martyriums, der blutigen Tragödien des Judentums im Mittelalter und in manchen Staaten noch "bis in die heutige Zeit hinein zeigen sich finsterer Aberglaube und politischer Barbarismus, sittliche Verkommenheit und allgemeine Unkultur. Zeder Lichtstrahl des menschlichen Fortschritts aber war zugleich auch ein Hoffnungsschimmer für die Juden und das Judentum. Jede Reaktion, jede rückschrittliche Bewegung ist eine unversöhnliche Gegnerin des Judentums, jede allgemeine Stagnation ist zugleich ein Hemmnis für uns Juden. Wie kann nun das, was von außen herkommend, ein Unglück, ein bstudernis für uns ist, in unserer eigenen Mitte segensreich wirken, als wünschenswerte Richtung und zu erstrebendes Ziel betrachtet werden? Wir Juden marschieren mit an der Spitze des allgemeinen Fortschritts, wirken mit Eingebung und Erfolg auf allen Gebieten der menschlichen Kulturentwicklung, — ist es nun nicht folgerichtig, daß wir auch im Judentum selbst für dessen Fortschritt und Weiterentwicklung im Geiste der Zeitrichtung wirken? Sollen andere den Ansprüchen einer Genreinschaft Folge leisten, ihren Forderungen Gewährung verleihen, ihren Behauptungen Glauben schenken — so muß diese Gemeinschaft ihre Forderungen in ihrer eigenen Mitte verwirklichen, so daß sie darin keine Halbheiten, keine Unkonsequenz zeigen. Die volle Wirkungs- und Glaubensfreiheit, die wir von anderen für uns fordern, muß auch im Judentum selbst als unantastbarer Grundsatz herrschen! Das ist der Sinn und die j)arole jüdischen Liberalismus..

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