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Liberales Judentum · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 31

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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o o O 6 Iudüus: Judentum und Fortschritt 31 Druckes entstandene rabbinische Ghettojudentum konnte nicht jene Grandiosität und den freien Schwung, jene gesunde Natürlichkeit und die kernige Lebensfülle des biblischen Zeitalters haben, da Israel als freies Volk in seinem gottgesegneten Lande saß, wo „Milch und Honig floß". Und ebenso mußte das neuzeitliche Judentum in den europäischen Kulturzentren eine weitere Evolution durchmachen.' Welches ist nun das wahre, das echte Judentum? Die Fabel von den 3 Ringen gilt nicht allein für die verschiedenen Religionen, sondern auch für die divergierenden Richtungen innerhalb einer und derselben Religionsgemeinschaft. Hillel, seiner Tharaktermilde und Herzensgüte entsprechend, erklärte für erlaubt und zulässig, was sein charakterstrenger Antipode Samai verbieten und untersagen zu müssen glaubte. „Beides aber sind Aussprüche des lebendigen Gottes." So ent* schieden unsere Weisen. Lin tiefer, ein weitreichender Sinn liegt in diesem lapidaren Satze. Zwei einander diametral entgegengesetzte Hypothesen erhalten beide die höchste Sanktion. Gibt es denn verschiedene, von einander abweichende Wahrheiten? Ist denn nicht die Wahrheit eine einzige, ungeteilte, unteilbare? Ja — dieses „verschleierte Bild" hat aber noch kein lebendiger geschaut. Denn „kein Mensch vermag mich zu sehen und am leben zu bleiben" — also sprach der Gott der Wahrheit und Lrkenntnis, dessen „Stempel die Wahrheit" ist. Uns Menschen bleibt das Suchen nach Wahrheit, das nach lessing sogar der Wahrheit selbst vorzuziehen sei. Lin Jude suche nach Wahrheit, strebe nach 'Lrkenntnis auf seine Art, höre auf den Ruf seines Gewissens, folge seiner inneren Stimme, lasse seine Seelen- und Geisteskräfte zu ihrer höchsten Vollendung gelangen, ihr Bestes und Ldelstes reifen und emporblühen, — und er wird vor Gott und der Menschheit, vor sich und der Welt in Lhren der sittlichen Pflichterfüllung bestehen. — Und hierin ist der wahre Sinn des jüdischen Liberalismus angedeutet. Dieser stellt nicht ein bestimmtes religiöses Axiom dar, sondern bedeutet das Prinzip der jüdischen Denkfreiheit, die Unbeschränktheitderindividu eilen Anschauung eines jeden Linzelnen und jeder Gruppe und Partei innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Lr geht vom Grundsätze aus, daß kein Mensch sich anmaßen darf, sich zum Richter über die innere Welt und die Gewissensfragen der anderen aufzuwerfen, seine eignen Ansichten als die „allein seligmachenden" zu erklären und die Andersdenkenden in Acht und Bann zu tun. Der jüdische Liberalismus überläßt es einem Jeden, also auch dem Konservativen, „auf seine Fasson selig zu werden"; er schließt somit a-lle Richtungen innerhalb des Judentums ein, während der jüdische Konservatismus feste, unwandelbare, entwicklungsunfähige Dogmen aufstellt und in einseitiger Weise jedem von ihnen abweichenden Juden die Treue zum I u d e n t u m a b s p r i ch t. — Treue zum Judentum! Selten ist wohl ein Begriff so entstellt und willkürlich gedeutet worden, wie dieser. Sind wir denn nur dann dem Judentum treu, wenn wir es wie eine Mumie aus vorsintflutlicher Zeit behandeln, wie ein Gespenst des Altertums, das sich auf mystische Weise zu uns verirrt hat? Sind wir nicht in viel höherem und weiterem Mäße unserem Judentum treu, wenn wir es zu einem schöpferischen Faktor unseres gesamten und sozialen und kulturellen Lebens machen, es mit den Anforderungen der modernen Zeit in Linklang bringen, wodurch allein ihm auch ein Linfluß auf den Zeitgeist ermöglicht wird? Wir sind ja sonst gar nicht so sehr erbaut von der Hervorkehrung „völkischer

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