Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Aaeck: Adolf Wiener 27 bricht immer wieder die Schranken und Dispositionen des gelehrten Werkes. Trotz des trockenen und bis ins Kleinste mühevoll herbeigebrachten Stoffes geht darum von diesem antiquarischen Buche eine Frische aus, die den Leser immer wieder anregt und reizt. Der Stil ist hier der Mensch selbst, der sich bis ins hohe Alter eine seltene Jugendlichkeit des Geistes und Affektes bewahrt hat. Dieses Werk war der Abschluß seiner Lebensarbeit, seine „große Konfession". Sn der Richtung des Buches ist etwas, was ihn z. B. von Geiger, dessen treuer und begeisterter Verehrer er gewesen und für den er mit zwei kleinen Schriften über die Gebetsfrage in die Meffentlichkcit getreten ist, scheidet: die Neigung, nur das eindeutige Bibelwort mit seiner bestimmten Satzung gelten zu lassen und damit dem Talmud jedes Recht zu nehmen, die „karäische" Neigung, die Wiener selbst halb ernst halb spottend zugesteht. Auch sie ist wohl aus dem Temperament der Mpposition hervorgegangen, aus dem Widerspruch gegen die talmudische Methode, die alles und jedes aus dem Bibelwort ableiten will. Aber wie immer diese Tendenz beurteilt werden mag, das Werk hat seinen bleibenden Platz in der Wissenschaft als der erste große versuch, bis heute der einzige, das umfangreiche, schwierige Gebiet der Speisegesetze planmäßig zu' durchforschen und darzustellen. Die Fülle des Materials, das hier bewältigt wird, der Reichtum an neuen "Gesichtspunkten und wertvollen Hinreisen und nicht zum mindesten der gerade, furchtlose, nur nach der Wahrheit strebende Geist, in dem das Buch geschrieben ist, geben ihm die dauernde Bedeutung. Nur eine lange, unermüdliche Arbeit, die nie fertig sein wollte, die Fähigkeit, sich hinzugeben, konnte den Forderungen, die ein solches Werk stellte, gewachsen sein. Jeder/ der sich mit dem Wesen und der Entwicklung der Speisegesetze befassen will, wird von ihm ausgehen müssen, und das Gesamtergebnis, zu dem es gelangt, daß die Speisegesetze erst nach und nach geworden sind und daß menschliches Riemen und Wähnen daran den Anteil hat, wird nicht erschüttert werden. Als Wiener das Werk abschloß, stand er an der Schwelle des dreiundachtzigsten Lebensjahres, körperlich und geistig ungebeugt. Es war sein letztes Sahr, das er vollenden durfte. Ein Leben, reich an Mühen, Sorgen und Rümpfen lag hinter ihm. Seine Jugend, die Zeit des Gymnasiums und der Universität, war die Geschichte so vieler jüdischer Studierenden jener Tage gewesen, ein Weg, der durch die Entbehrung und die Beschwerde hindurchführte. Von der Medizin war er, wohl halb aus Not, halb aus Neigung, schon bald zur Theologie übergegangen, und hatte damit den Platz gefunden, für den er geschaffen war. Sn seiner Heimatsprovinz, in Posen, wo Bildungsinteressen seit langein lebendig waren, war er dann zum ersten Male vor die Öffentlichkeit getreten. Er hat der Posener Brüdergemeinde ihre erste deutsche predigt gehalten, auch sie unter Mühe und Kampf. Die dortigen „Gesetzestreuen" hatten, als die Absicht bekannt wurde, bei dem Polizeipräsidenten von Minutoli Beschwerde eingelegt, unter Berufung auf die bekannte antimodernistische Kabinettsordre Friedrich Wilhelms III. vom Sahre l.823, die alle Neuerungen im jüdischen Gottesdienst untersagte. Als sich eine Abordnung der Brüdergemeinde zu .Minutoli begab, erklärte dieser denn auch, daß er leider die in der Zeitung für zehn Uhr des nächsten Sonnabends bereits angekündigte deutsche predigt verbieten müsse und sich selbst davon überzeugen werde, daß nicht etwa um zehn Uhr sie doch gehalten werde, was denn auch verstanden wurde, und die predigt fand um neun Uhr statt — ein Seitenstück zu Geigers erster predigt in Breslau, deren ministerielles Verbot der dortige Prä-