Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Ar. Sarck: Adolf Wiener 0 O 0 0 und den VON der Linken. Wem es wahrhaft ernst damit ist, dem Schulchan Aruch ganz zu gehorchen, der müßte, den alten Mystikern entsprechend, die nach dem heiligen Lande auswanderten, um dort ganz fromm zu fein, aus seiner Stadt fortgehen, um an den Abhängen der Rarpaten sein bsaus zu gründen, dort, wo es noch das Ghetto gibt; da allein könnte er noch gesetzestreu sein. Was den Theologen, die das vorige Jahrhundert noch werden sahen, den eigenen Reiz gibt, ist, daß sie jenes Alte noch um sich und in sich kennen gelernt hatten. Wir haben davon nur erzählen hören; für sie war' es ein Stück ihres Lebens, ihre eigene Vergangenheit, mit der sie sich auseinandersetzen mußten. Aeußerlich wie innerlich waren sie noch aus dem Ghetto hervorgegangen; sie mußten es in sich überwinden. Der Gedanke des Fortschritts, für den sie eintraten, war darum nicht nur eine Idee, zu der sie sich bekannten oder sich bekehrt hatten, sondern es war ihnen ein Teil ihrer selbst, die Entwicklungsgeschichte ihres Daseins; es war der Kampf um die geistige Existenz, den sie führten. Für sie bestand kein Unterschied zwischen ihrer Person und ihrer Sache. Das gab ihrem Streben und ihrem ganzen Schicksal etwas Dramatisches, und es kam zugleich in den Kampf ein starkes j)athos wie auch eine gewisse Schärfe hinein, die uns, die wir die liberalen Gedanken bereits ererbt haben, fremd geworden sind. Das Leben dieser Männer mußte um so mehr ein stetes Ringen sein, als sie ihre Gemeinden noch nicht hatten, sondern sie erst schaffen, sich das Feld für die Fortentwicklung des Religionsgesetzes bereiten mußten. Jeder mußte es auf seine Weise tun; denn da die gemeinsamen versuche, Richtlinien festzustellen, versagten, so konnten nur noch die eigene Verantwortung und der eigene Weg zu einem Fortschritte führen. Jeder mußte in seiner Gemeinde der Gesetzgeber sein. Kam dem auch 'die nichtkirchliche Art des Judentums entgegen, so war es doch ein ernstes Beginnen, und es konnte nur durch eines gerechtfertigt sein, durch die Sicherheit der wissenschaftlichen Grundlage. 'Nur die Männer der talmudischen, halachischen Forschung konnten die Befugnis haben, die neuen Gesetzgeber, die Halachisten des neunzehnten Jahrhunderts zu sein. Der gelehrteste und geistreichste unter diesen Halachisten ist Immanuel Löw gewesen, — man verwischt an ihm das Charakteristische, wenn man ihn, wie es bei seinem hundertsten Geburtstag meist geschehen ist, vor allem als den Archäologen würdigt, — und in dieselbe Reihe wie er, gehört der Alaun, an den dieser Monat alle die wieder erinnern mag, die ihn gekannt, die ihn verehrt und von ihm gelernt haben, Adolf Wiener. Er hat in kleinerem Kreise und auch in engeren Grenzen gewirkt als die Führer des Liberalismus, deren Gedenktage das vergangene Jahr gebracht hat, als Geiger, Löw, f)hilippson; er hatte nicht das weite, gebietende Wissen und den scharfen Blick des einen, nicht den überlegenen Geist und Witz des anderen, nicht das Ingenium, das dem dritten geschenkt war. Aber er hat doch bei ihnen seinen j)latz, und er hat neben ihnen sein eigenes Gesicht. Was ihm die besondere, persönliche Note gibt, ist sein Temperament, sein Wahrheitsfanatismus; er ist in jener temperamentvollen Zeit vielleicht der temperamentvollste gewesen, ganz eigentlich ein Vorkämpfer des Liberalismus. Cum ira et studio, mit Zorn und Eifer hat er sich für das Neue eingesetzt, mit dem Zorn und Eifer, zu dein nur ein so ehrlicher, lauterer, selbstloser und .opferfähiger Charakter, wie ihn Wiener besaß, das Recht geben kann. Sein Buch, mit dem in der wissenschaftlichen Welt sein Name verknüpft bleibt, die „Jüdischen Speisegesetze", zeigt alle Mängel und alle Vorzüge des Temperaments; es durch-