Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Rundschau 21 und mit flammender Beredsamkeit wandte er sich gegen die, die von ihrem Glauben abtrünnig wurden, — gar um in Amt und Würden zu gelangen, und gegen den Staat, der das begünstigte. Er war auch fromm m Demut, Wohltätigkeit und rührender Bescheidenheit. In Wort und Schrift pries er stets als das Höchste, was der Jude von Alters her kannte, ein inniges Familienleben, und er selbst hat sich das innigste Familienleben geschaffen, aus dem er die Kraft schöpfte für seine angestrengte Tätigkeit. Wer ihn mit seiner klangvollen, sympathischen Stimme am Sederabend oder zur Chanukazeit der Väter weise singen hörte, der erkannte, daß er sich Gottesdienst in seinem Hause schuf. Mögen die. wünsche, die er für das Judentum hatte, in Erfüllung gehen, inöge ihn: aus der Jugend bekennermutiger Zuwachs erhalten werden. Dann hat seine Tätigkeit ihre Frucht getragen und man wird das, was er leistete und schuf, nicht vergessen. I.-R. Dr. L o e b - Darmstadt. Nachruf gewidmet dein sel. D r. Ls e i n e m a n n Vogelstein bei der Jahresversammlung des Vereins israelit. Lehrer der Provinz Pommern von dem Vorsitzenden Lion wolff am 29. Oktober in Stettin. Hochverehrte Herren und Kollegen! Ich nannte das verflossene Jahr eines der bedeutungsvollsten, das wir seit dem Bestehen des Vereins erlebt haben, bedeutungsvoll ebenso durch erhebende, wie tieftraurige Begebenheiten. Sie fühlenr es, daß ich dabei in dieser Stunde an unseren Dr. Vogelstein denke. Am 20. Februar d. Is. hatten wir, die Vertreter unseres Vereins: Herr Dr. Worms, Herr Kollege Simon und ich die ehrenvolle Aufgabe, den sel. Dr. Vogelstein zu seinem 70. Geburtstage als „Ehrenmitglied" begrüßen zu dürfen. Es war ^eine erhebende Feier in dem gastlichen Heim des Jubilars, es war herzerquickend, den jugendlichen Greis zu hören, wie er mit der ihm eigenen Eloquenz auf alle Ansprachen antwortete, rührend auch den Pater Familias inmitten seiner gesegneten Angehörigen zu sehen. Und wenige Monate später kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Schreckenskunde: Dr. Vogelstein ist nicht mehr! Wie sein Leben und wirken segensreich gewesen, so auch fein Tod. wie unser großer Lehrer Moscheh ist er durch einen Gotteskuß von hinnen gerufen worden, und wie wir vor kurzem in dem letzten Kapitel der Thora von Moscheh gelesen: „Ungetrübt blieb sein Auge, ungebrochen seine geistigen, wie körperlichen Kräfte", so gestaltete sich auch sein Greisenalter. Seine dankbare Gemeinde hat ihm eine Totenfeier veranstaltet, die ebenso von der Würdigkeit des Heimgegangenen, wie von der Würdigkeit der Gemeinde Zeugnis ablegt. Ich habe bedeutende und verdiente Mariner zu Grabe geleitet; eine ähnliche Gedenkfeier habe ich nie gesehen! Daß sein profundes Wisse?!, sein Geist, besonders aber sein segensreiches wirken innerhalb seiner Gemeinde, wie auch für die Aufgaben des liberalen Judentums von den zahlreichen Rednern, in erster Reihe von unserem Dr. Worms gewürdigt wurde, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Es dürfte daher schwer werden, der Charakteristik des Heimgegangenen eine neue Seite abzugewinnen. Aber jch darf hier, in unserem verein eine Tugend erwähnen, die, wie das ja auch in der Bedeutung des Wortes liegt, nicht allgemein bekannt jst; ich meine die Mizwo Mattan Leseser „im Stillen Gutes zu üben." wenige Monde vor seine??! Heimgange bat ich um seine Hilfe für ein Mitglied unseres Vereins, das nicht mehr in unserer Provinz wirkt. Er antwortete mir, daß er wohl von sei?!er Bedürftigkeit, weniger aber von der Würdigkeit überzeugt sei, — aber er half! In hinein anderen Falle, wo er aus voller Ueberzeugung empfehlen konnte, wurde auch in ausreichendem Maße für den Petenten gesorgt. wie ich nachträglich erfahre, können diese Beispiele vervielfältigt werden. Nach der Maxime „de mortuis nil nisi bene von den Tote?! nur Gutes", hört