Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Rundschau dem im ersten Semester stehenden Studenten eine Broschüre in die Hand „Finte Germaniae" oder „Vae victis"; ganz Deutschland sollte danach verjudet sein und der Deutsche sich ruhig in die Bolle als Iudensklaven fügen. Entrüstet erhebt der junge Student gegen diese Auslage sofort schriftliche Beschwerde. In Berlin kommt er in die Hochflut antisemitischer Bewegung; Stöcker stand auf dem Höhepunkte; den jungen Studenten zogs in die Versammlungen, um ihn über das aktuellste Thema sprechen zu hören. „Mächtig regte sich in mir der Trieb," so schreibt er selbst, „auf der Tribüne dem großen Agitator entgegen zu treten; als ich indes sah, in welcher Meise ein redegewandter Bekannter, der diesen Versuch machte, ausgejohlt wurde und nahezu mißhandelt worden wäre, stand ich davon ab." — Einem adligen Kommilitonen, der im Kolleg neben ihm saß und eines Tags auf ausgesprochen semitische Gesichter hinweisend die Bemerkung machte: „Ueberall ist man doch von Juden umgeben," erwiderte er: „Einer sitzt neben Ihnen," worauf eine verlegene Entschuldigung erfolgte. In Leipzig beteiligte er sich in der lebhaftesten Meise an der Neuorganisation des Rnterstützungsvereins für jüdische Studenten, und auch in Gießen, wo er in einer Gesellschaft verkehrte, in der sich eine große Zahl Christen befand, mit denen er Freundschaft fürs Leben schloß, verleugnete er nie sein Judentum. Mas der Jüngling versprach, hielt der Mann. Sehr bald, nachdem der Gedanke ausgetaucht war, der Bne-Brith-Loge in Deutschland Heimstätten zu verschaffen, finden wir Max Loeb als einen der eifrigsten Förderer und Vorkämpfer dieses Gedankens. Die erzieherische Bedeutung der Logen für die Gesamtjudenheit, ihre Aufgabe, edeldenkende Juden zu vereinen zu frohem Bekennermut und zu den höchsten Idealen der Menschheit, stand ihm so hoch, daß er alles daran setzte, zu seinem Teile an der Erfüllung dieser Aufgabe mitzuwirken. Es ist allbekannt, wie er nicht nur in der Loge wirkte, der er angehörte, was er für die Großloge leistete, wie er organisierte, Propaganda betrieb und welche Erfolge er erzielte, wie sein Name förmlich ein Programm war. Mer ihn mit seinem feurigen Auge, mit seiner überzeugenden Beredsamkeit nur einmal die Logenideale klar legen hörte, der mußte zu seinen Ideen hingerissen werden. Er gab stets sein Bestes: nicht nur den Ausdruck seines Geistes, sondern auch seines Herzens, eines warm empfindenden jüdischen Herzens, welch hohe Bedeutung für das Judentum er der Logenidee beimaß, dafür wird immerdar seine in der Novemberbeilage $U zum Bericht der Großloge erschienener Aufsatz „Mehr Steifnackigkeit" zeugen, sein „Vermächtnis" für die Loge, wie er es im engsten Kreise wenige Wochen vor seinem Tode nannte. Max Loeb war seiner Gemeinde, die ihn in ihren Vorstand berief, ein guter, pflichterfüllter Ratgeber. was er sonst den großen deutschen Organisationen des Judentums war, ist noch frisch in der Erinnerung aller Beteiligten. Unvergeßlich wird die Ansprache sein, die er am \3. Oktober $07 in der zweiten Hauptversammlung des Verbandes Deutscher Juden in Frankfurt a. M. als Korreferent über „Staatsinteresse und Iudenxolitik" hielt. In fornwollendeter Meise erhob er aus seinem glühenden Patriotismus heraus schwere Anklagen gegen die ungerechtfertigte Zurücksetzung der Juden, durch die das Staatsinteresse nicht gefördert, sondern geschädigt werde und entfesselte Stürme des Beifalls und der Begeisterung. Als im Mai des Jahres $08 die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland ins Leben gerufen wurde, folgte Max Loeb gerne und bereitwillig dem Rufe, in den Vorstand unserer Vereinigung einzutreten. Denn er war das Vorbild eines wahrhaft liberalen Juden. In seinem privaten Leben von tiefster, innerlichster Religiosität, treu und frei, jede Ueberzeugung achtend, selbst friedfertig und friedenstiftend, wollte inan von welcher Seite immer, ihn nicht auch einen echten, frommen Juden nennen? Etwa, weil er manches, was die Orthodoxie als wesentlich bezeichnet, nicht mehr als bindend ansah? Treue war eine seiner wesentlichsten Charaktereigenschaften, Treue auch gegen die Religion, in der er geboren. Deshalb schmerzte es ihn auch so tief, wenn er sah, wie viele Juden abseits von ihren Glaubensgenossen standen, die „Lauen und Schwächen", wie er sie nannte,