Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Nnndfcharr 19 Rundfchau. Zur Erinnerung an Justizrat Ar. Ma-k Forst-Mainz. Am {1. Dezember 1911 das Judentum einen herben, schwer zu ersetzenden Verlust erlitten. Was Familie und Freunde feit länger als Jahresfrist mit Bangen kommen sahen, es ist eingetreten: Sustizrat Dr. Max Loeb in Mainz ist schwerer Krankheit erlegen. Am 25. September 1860 jn worms geboren, hat er ein Alter von kann: 3t, Jahren erreicht. Wie ist er das geworden, was er als Sude war? Antwort gibt ein 'Satz aus den von ihm während der letzten Wochen seiner Krankheit in die Feder diktierten Erinnerungen aus der Jugendzeit: „Zum letzten Ende wird die religiöse Weltanschauung durch die frühesten Lindrücke bestimmt, durch das Milieu, in dem man aufgewachsen ist, durch Glaube und Anschauung des Elternhauses, dem man entsprossen." Mar Loeb entstammte einein bescheidenen ältjüdischen Lsause. Der hervorragend talmudisch gebildete Großvater väterlicherseits, der mit den Eltern zusammenwohnte, und der damals jugendliche liberale Rabbiner in Worms „lernten" fast täglich zusammen. Der streng religiöse Zug, der int biause herrschte, verfehlte seine Wirkung nicht auf den Knaben. Nachdem er vom 6 ten bis zum 10 ten Lebensjahre die simultane, allgemeine Volksschule besucht hatte, trat er mit dein zehnten Jahre in das Gymnasium eilt, in dem er zunächst bis zur Unterprima blieb; dem Wunsche der Eltern gemäß sollte er Kaufmann werden. Er kam als Lehrling in das angesehene Bankhaus Veit L. bsomburger in Karlsruhe. Wiewohl er seine freie Zeit mit dem Studium nationaläkonomischer und geschichtlicher Werke und dem Erlernen fremder Sprachen ausfüllte, befriedigte dies seinen Drang nach geistiger Weiterbildung nicht, er gab den Wunsch zu erkennen, zu studieren; sein Wunsch wurde erfüllt, er wurde wieder Unterprimaner und bezog noch nicht neunzehn Sahre alt die Universität Heidelberg, ursprünglich in der Absicht, Mediziner zu werden. Nach wenigen Wochen fand er, daß das Studium der Medizin ihm nicht zusagte. Gr wurde Surist, hörte Bekker und Vluntschli, daneben Geschichte der griechischen Philosophie und das unvergeßliche Faustkolleg bei Kuno Fischer;'im Winter 18?9/80 finden wir ihn in Berlin, wo er bei Bruns und Adolf Wagner belegte und bei Treitschke und Gneist hospitierte. Von Berlin siedelt er im Somrner 1880 nach Leipzig über, dort waren Binding, Wach und Roscher seine Lehrer, und schließlich weilte er drei Semester auf der hessischen Landesuniversität in Gießen. Dort lehrte zu jener Zeit der liberale, damals noch jugendliche Strafrechtslehrer von Liszt, der auf seine Schüler, die er auch in seinent gastlichen Sause sah, einen mächtigen Eindruck ausübte. Sm Sommer f882 bestand Loeb glänzend sein erstes juristisches Examen, wurde zunt juristischen Vorbereitungsdienst zugelassen, zunächst in Worms, später in Mainz, genügte dazwischen als Einjährig-Freiwilliger seiner Militärpflicht. Sm Frühjahr 1886 unterzog er sich der juristischen Staatsprüfung und wurde kurz darauf, wozu ihn Lust und Neigung zogen, Rechtsanwalt in Mainz. Er war bald einer der gesuchtesten Anwälte und lag seinent Berufe, solange er ttur irgend konnte, mit Liebe und Schaffensfreude in der erfolgreichsten Weise ob. Die Saat, die das Elternhaus in dem Kinde ausgestreut und die eine durchs ganze Leben wahrende Freundschaft mit seinem Religionslehrer, dem jetzt in Karlsruhe wohnenden Ehrenrabbiner von Worms, Dr. A. Stein, genährt hatte, war m dem Jüngling bereits aufgegangen und hatte als Frucht gezeitigt: sin ausgeprägtes jüdischreligiöses Bewußtsein bei aller modernen Weltanschauung und religiösliberalen Lebensführung, einen starken Willen z u nt Judentum, ent stolzes und offenes B. e k e n n e n und ein begeistertes und b e g c i st e r n d e s E i n t r e t e n für das S u d e n t u nt. Dazu kam e i n w a h r h a f t e r jD a t r i o t i s m u s, nicht chauvinistischer Nationalismus und aus beident heraus entstand die Ueberzeugung, daß es nicht nur Recht, sondern auch Pflicht sei, die verbrieften Ansprüche der Süden auf Gleichberechtigung mit aller Energie geltend zu tnachen. Sn Heidelberg im Lesezimmer des Museunts — es war damals die Anfangszeit der antisemitischen Bewegung — fällt