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Liberales Judentum · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 18

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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18 Küchrrfch au hätten sie meines Erachtens, um jedes Mißverständnis zu verhindern, zu „on galakti" das entsprechende Partizip („on" --- „das sich befindet") hinzugefügt, völlig verfehlt sind des Verfassers Auseinandersetzungen über philo. Er behauptet, daß philo beide Auffassungen gekannt hat. Davon kann gar keine Rede sein. F. gelangt zu dieser Annahme nur dadurch, daß er irrtümlich eine längere Erörterung Thilos auf unser Gebiet bezieht, die in Wahrheit dem Gebot (2. Mos. 22, 29; 3. Mos. 22, 27) gilt, daß ein neugeborenes Tier erst nach Ablauf von sieben Tagen geopfert werden dürfe. philo Hai die Worte der Septuaginta, die er zu Grunde legt, wörtlich verstanden (d. h. wie wahrscheinlich die Uebersetzer selbst) :„Du sollst das Böckchen nicht kochen in der Milch seiner Mutter." Tr legt den Nachdruck auf „seiner", wie aus seinen Worten klar hervorgeht, er kennt die andere Auffassung gar nicht, weiß aber auch noch nichts von der späteren rabbinischen Halacha, daß man Fleisch und Milch überhaupt nicht zusammen kochen dürfe. Die weitere Vermutung des Verfassers, daß der Ursprung dieser Halacha in Alexandria und nicht in Palästina zu suchen sei, fällt damit in sich zusammen. Professor Leop. Tohn (Breslau). * von anderer geschätzter Seite wird in einem Schreiben an die Redaktion auf das hebräische Wort „sewaschel" hingewiesen, das dazu nötige an der halachischen Erklärung: „Du sollst nicht k o ch e 11 das Böcklein i n der Milch seiner Mutter" festzuhalten, denn im anderen Falle müßte es heißen: „Du sollst nicht schlachten das Böcklein solange es an der Mutterbrust ist". Dieser Einwand scheint uns indessen nicht so schlagend wie der Einsender vermutet. Denn „sewaschel" heißt nicht nur kochen", sondern wie schon Symmachus übersetzt „skeuaseis", d. h. bereiten (vgl. u. a. 2. Sam. Jv5, 8: sie bereitete die Rüchen). Uebrigens übersetzen Nonaekom ihn Saruk, Jos. Bechor Schor und andere jüdische Exegeten „an der Milch seiner Mutter", ohne an „sewaschel" Anstoß zu nehmen. Auch Luther übersetzt: „Du sollst das Böcklein nicht kochen, dieweil es an seiner Mutter Milch ist". * Wir persönlich neigen übrigens der Ansicht des Maimonides zu, der das verbot in dem gewöhnlichen Sinne nimmt und vermutet, daß es sich gegen eine heidnische Unsitte richte. Noch heute kommt diese Unsitte bei den Arabern vor. (vgl. Abravanel zu 2. Mos. 23, (9, Zulius Fürst in seinem Bibelkommenlar z. St., ebenso. Rnobel und Neuß z. St.) D. Red. Herr Rabbiner Dr. Steckelmacher- Mannheim schreibt uns mit Bezug auf eine Stelle in unserer Besprechung seiner predigten : „Der Satz, daß alle der göttlichen Gnade bedürfen, scheint mir demnach (auf Grund einer großen Anzahl von Steckelmacher angeführten Zitate aus Bibel, Midrasch und Religionsphilosophen) fraglos jüdisch zu sein und er bedeutet die hochgespannten Forderungen., die der wahrhaft Fromme an sich selber stellt oder als von Gott an ihn gestellt erachtet, aber infolge seiner Demut und Bescheidenheit nie glaubt erfüllt zu haben. Nicht etwa, weil er durchaus — etwa infolge einer Erbsünde — sündigen mußte, das Zurückbleiben Hutter jenen Forderungen für ihn ein Verhängnis, ein Fatrun wäre — nein, nicht als ein Fatum, sondern als ein Faktum weiß und fühlt er, er habe die erwünschte Zdealität nicht erreicht und bedürfe darum der göttlichen Gnade." Wir haben gerne dieser zweifellos richtigen Auseinandersetzung hier Raum gegeben, möchten aber dazu nur kurz Folgendes bemerken. Es gibt wohl kaum einen irgendwie bedeutsamen religiösen Gedanken, der nicht in der jüdischen Religionsliteratur seinen Niederschlag gefunden hätte. Aber gerade weil einzelne religiöse Gedanken im Verlauf der Geschichte eine spezifisch christliche Wendung genommen haben., sollten diese Gedanken mit besonderer Scheu, ja vielleicht mit ausdrücklicher Verwahrung gegen unerwünschte Deutung behandelt werden. Uns will der jüdische Begriff der „Gnade", trotz mancher entgegenstehender Stellen immer noch viel eher eine Aufmunterung und Aufrichtung des Sünders hedeuten, als einen Aufruf zur Zerknirschung und Demut, „weil wir alle als Sünder, der Gnade bedürfen".

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