Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 O 0 Nr. Elsaß: Nie Sibel int Fichte moderner Erkenntnis Leid und der Jammer des Menschenlebens mit Gottes Gerechtigkeit in Linklang zu bringen sei. Religiöse Innigkeit und Kraft lebt in den erschütternden Tönen der „Klagelieder", während im „Hohelied" frommer, unverdorbener Sinn die keusche Liebe als reine Gottesflamme verherrlicht und besingt. Die „Sprüche Salomos", selbst die Zweifelsucht eines „Koheleth" enthüllen uns neue Seiten des religiösen und sittlichen Geistes, der in Israel lebendig war. Die Bahnbrecher, Schöpfer und mächtigsten Träger der religiösen Gedankenwelt jedoch sind Israels Propheten, deren Reden in der Sammlung der sogenannten „späteren" Prophetenbücher auf uns gekommen sind. Hier vernehmen wir die lebendigen Worte der gottbegeisterten „Sprecher" in ihrer ursprünglichen Fassung noch nach 'Jahrtausenden und verspüren die heilige Glut und hinreißende Kraft ihrer Sprache. Die alte, naive Volksauffassung, besonders die ihrer Zeitgenossen, sah in den Propheten Männer, deren besondere Begabung darin läge, ferne Dinge und Vorgänge zu schauen, die Zukunft voraus verkünden zu können. Man erzählte voll Scheu von Zeichen und Wundern, die sie vollbrachten, und diese Erzählungen wurden — wie schon oben bemerkt — gläubig ausgenommen, phantastisch ausgeschmückt gingen sie von Munde zu Munde, bis sie in der uns vorliegenden Fassung ausgezeichnet wurden. Wir würden wahrlich in keiner Weise diesen genialen, schöpferischen Persönlichkeiten gerecht, wenn wir an den Buchstaben der Berichte uns klammernd, den Propheten die Stellung von Wundermännern und Wahrsagern zuweisen wollten. — Heute sehen wir klarer. Die Größe und Hoheit der Propheten liegt in ihrer intuittven Begabung für das Heilige, Göttliche, sittlich Reine, und in der heiligen Glut, die ihre Seele in sich trug, die sie dazu drängte, oft mit Gefahr ihres Lebens gegen alles Unrecht, gegen jede Gewalttat, gegen die Willkür der Mächtigen und Großen, auch der Könige ihre Stimme zu erheben. Sie waren das mahnende Gewissen des Volkes. Ghne auf Spott und Hohn zu achten, haben sie schonungslos die sittlichen Schäden bloßgelegt, gegeißelt und gebrandmarkt. Sie selbst hatten die innere Gewißheit, daß sie einein höheren Zwange, dem Rufe Gottes folgten. „Das Wort des Ewigen ist mir zum Hohn und zur Schmach geworden alle Tage. Und dachte ich, ich will nicht mehr seiner erwähnen, nicht mehr reden in seinem Namen, da war es in meinem Herzen wie ein brennend'Feuer, eingeschlossen in meine Gebeine, und ich konnte nicht anders, ich hielt es nicht aus" (Ieremia 20, 8,9), so enthüllt uns Ieremia sein Inneres. — Er konnte nicht anders, er mußte das Wort Gottes künden. Gott sprach zu ihnen, Gott sprach aus ihnen, sie wußten es nicht anders. Lin Gott hatte sie gelehrt zu sagen und zu künden, wovon ihr Herz voll war, wovon, ihre Seele überströmte. Darum waren sie mit unerhörtem Freimut allen irdischen Gewalten entgegengetre- Len, und hatten im Namen Gottes Recht, Gerechtigkeit und Wahrheit gefordert. Im heißen Ringen mit sich selbst, hatten die Propheten den Gottesgedanken immer hehrer und reiner erfaßt, und den einen, den Weltengott erkannt, der einzig, ewig und lebendig in Gerechtigkeit, Liebe und Heiligkeit über den Welten thront, der von den Menschen fordert — nicht allein von Israel — „das Rechte tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor Gott" (Micha 6, 8). Sie hatten gegenüber dem äußerlichen'Tun, stets auf die innere, auf die Herzensfrömmigkeit und auf lautere Gesinnung gedrungen, und haben allmählich nicht nur