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Liberales Judentum · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Nr. Elsaß: Nie Kibrl im Fichte moderner Erkenntnis 15 Volksüberlieferungen zur Verfügung. Als (Quelle ihrer Berichte dienten ihnen wohl aud? Sammlungen von Heldenliedern und Gesängen, in denen die Taten der Männer der Vorzeit verherrlicht wurden. Auch in Israel wurden Heldentaten, der Sieg der Ivaffen, kriegerische Erfolge durch Lied und Saitenspiel besungen, wovon das Deboralied (Richter 5), auch das bekannte „Lied am roten Meere" Zeugnis ablegt (2. B. M. 15), und jener Refrain, der Davids Waffentat verewigt: „Saul hat Tausende erschlagen, David Myriaden" (1. Sam. 18, 7). Das verloren gegangene Buch „Iaschar" wie auch das „Buch der Kriege des Ewigen" waren allem Anschein nach Sammlungen von Kriegs- und Siegesliedern und dichterische Schilderungen von ^großen nationalen Ereignissen. Daß in der Heldenzeit des Lroberungskampfes und der Zeit der Richter, die Ereignisse dichterisch und sagenhaft ausgeschmückt wurden, und daß wir es infolgedessen in den uns vorliegenden Berichten über jene Kämpfe nicht mit nüchternen, objektiven Darstellungen zu tun haben, das bedarf nicht erst eines näheren Nachweises. Andererseits haben die jüngsten Ausgrabungen in Egypten und Mesopotamien und die Funde im heiligen Lande erwiesen, daß gar manche Gestalten der Bibel, die man willens war in das Gebiet der Sage zu verweisen, der Wirklichkeit angehörten. Inbezug auf die historische Treue sind unzweifelhaft die biblischen Berichte zumindest ebenso zu bewerten, wie alle anderen historischen Quellen, denen wir die Daten der Geschichte der alten Völker verdanken. Wieder wäre es jedoch einseitig, die biblischen Berichte bloß auf ihre Zuverlässigkeit hin zu prüfen, und bloß ihren Ouellenwert für die Geschichte würdigen zu wollen. Der biblische Erzähler hat alle Ueberlieferungen und geschichtlichen Vorgänge von einer höheren Warte aus betrachtet. Der grundlegende Gedanke, der sich durch alle historischen Darstellungen der Bibel zieht, ist, daß nicht der Zufall, nicht die Willkür, nicht Tyrannenmacht irdischer Fürsten regiert, sondern Gott allein in Hoheit und Gerechtigkeit das Geschick der Völker und Staaten lenkt. Sein Walten kündet sich im Geschichtsgange Israels. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", tönt es uns aus der ganzen Geschichtsdarstellung der Bibel entgegen. So stellt sich uns die Bibel nicht als ein Buch der Geschichte dar, sondern als ein Buch, welches an die tiefsten, ewigen, menschlichen Probleme rührt, welches vom religiösen Geist, von Gottesgeist getragen und durchweht ist. Am reinsten und hehrsten offenbart sich dieser Gottesgeist in Israels frommen Sängern und seinen gewaltigen Propheten. Offenbarung des Gottesgeistes! Nicht haben wir unter Offenbarung einen übernatürlichen Vorgang zu verstehen, sondern ein inneres, religiöses Erlebnis. Offenbarungen sind Kundgebungen des religiös schöpferischen Triebes. Es ist darin jenes Ringen, Suchen, Streben, jenes Sehnen der gotterfüllten Seelen inbegriffen, die ihre innere Ergriffenheit im Liede und Gesang voll heiligender und ergreifender Gewalt ausströmten. — Solche Lieder besitzen wir im Büch der Psalmen, einer Sammlung von hundertundfünfzig Hymnen und Gesängen, die nicht allein auf Davids Harfe erklungen, sondern von einer Reihe von Sängern, Dichtern stammen, die durch Jahrhunderte in Israel erstanden, und der frommen, gottinnigen Stimmung der Gemeinschaft feierlich erhabenen Ausdruck gegeben. — Der religi öse Genius äußert sich in grandioser Gewalt, in der Hiobsdichtung, in welcher ein unbekannter Dichter in faustischem Drang mit himmelstürmendem Freimut das Problem zu lösen sucht, wie das

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