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Liberales Judentum · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 14

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Kr. Elsaß: Kie Krbrl im Fichte moderner Erkenntnis o o o o als Zeugnisse und als Beweise für die Wahrheit einer Gottesbotschaft gelten zu lassen, so die vorgetragene Lehre der inneren Wahrheit und der überzeugenden Kraft entbehrt. — Die Wahrheit und Bewährung einer Lehre und eines Gottesgebotes ist „nicht im Himmel, nicht jenseits des Meeres zu suchen, sondern ist dir ganz nahe, in deinem Herzen, in deinem Munde mutz sie leben, damit du sie übest." (5. B. M. 50, U—\4.) — Was bei der Lektüre besonders der Patriarchengeschichten stets meine Bewunderung erregte, ist die Beobachtung, daß die biblische Erzählung — im Vergleiche z. B. mit den babylonischen oder griechischen Heroensagen — auch noch im Vergleiche mit den Berichten des Neuen Testaments —, in der Ausmalung des Rebernatürlichen und Wunderbaren nie ins Groteske, Ungeheuerliche sich verliert, und die Gestalten grauer Vorzeit im ganzen menschlich, schlicht, natürlich schildert. Za einzelne partieen und Berichte, z. B. die Darstellung, wie Abraham mit dem Thittiterfürsten verhandelt, um die Höhle Machpelah als Erbbegräbnis zu erstehen (l. B. M. 23), der Bericht von der Werbung des greisen Dieners Eliezer um Rebekka für seinen Herrn (h B. M. 2^), und die ganze Josephsgeschichte sind so frei von allem Uebernatürlichen, sind mit solch lebendiger Anschaulichkeit geschildert, und enthalten eine solche Fülle Einzelheiten von psychologischer Feinheit und Tiefe, daß schon vom Gesichtspunkte der ästhetisch - künstlerischen Gestaltungskraft die biblische Erzählung in der Weltliteratur ihres Gleichen sucht. — Gewiß haben wir diese Berichte aus den Urzeittagen nicht als historisch zuverlässige Dokumente zu bewerten. Sind sie doch erst Jahrhunderte später aus den Ueberlieferungen des volksnmndes schriftlich fixiert worden. Das Bedeutsame dieser patriarchengeschichten ist ganz unabhängig von der historischen Zuverlässigkeit und von der mehr oder minder treuen Wiedergabe der wirklichen Geschehnisse. Unzweifelhaft ergibt sich aus diesen Berichten, zu welchen Vorbilbildern, zu welchen Idealen man in Israels Mitte in biblischer Zeit emporgeschaut, welche Tugenden und Eigenschaften von unseren Ahnen besonders geschätzt und hochgehalten wurden. Wie im Querschnitt zeigen uns diese Tharakterbilder, was dem Denken, dem Fühlen, der Gesinnung der Gesamtheit entsprach, zu welchen Taten man die Jugend aneifern und anspornen wollte. So werden diese Erzählungen zu Kulturdokumenten von unschätzbarem Wert, da sie uns einen Einblick in das innere Leben und Fühlen unserer Vorfahren ermöglichen. Wenn Abrahams Friedfertigkeit, sein unerschüttertes Gottvertrauen, feine Hingabe und seine Aufopferungsfähigkeit verherrlicht wurden, wenn man Josephs Großherzigkeit und Edelmut gepriesen, so sollte solches Tun vorbildlich wirken, wie auch ein späterer Prophet ausdrücklich auf Abrahams beispielgebendes Verhalten hinweist (I^!aja 5^, 2). Gerade aus unserm modernen Empfinden heraus können wir darauf stolz sein, baß diese Patriarchengestalten mit ihren schlichten, edlen, menschlichen Zügen als Typen jüdischen Volkscharakters galten, in denen sich Israels Eigenart spiegelte. Was die andern geschichtlichen Darstellungen betrifft, die besonders den Inhalt der historischen Bücher, Josua, Richter, Samuel und Könige bilden, so werden wir auch in diesen nicht auf unbedingte Treue und Zuverlässigkeit der Angaben rechnen; denn höchstens, daß der Verfasser der Königsbücher aus zeitgenössischen, schriftlichen Aufzeichnungen sein Material schöpfen konnte, den Verfassern der Bücher Josua, Richter und auch Samuels standen nur

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